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Prof. Harry Harun Behr

zu islamischer Theologie und Religionsunterricht

Prof. Harry Harun Behr ist Inhaber der Professur für Islamische Religionslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er konvertierte 1980 zum Islam. Von 1993 bis 2005 war er in München im Schuldienst tätig. 2005 promovierte Behr zum Thema „Curriculum Islamunterricht“ an der Universität Bayreuth. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich von Islam und Unterricht..

DIK-Redaktion: Inwiefern kann islamischer Religionsunterricht bzw. die Ausbildung von Lehrern für diesen Unterricht dazu beitragen die islamische Theologie in Deutschland (weiter)zu entwickeln?

Prof. Harry Harun Behr: „Allenthalben ist die Rede von „islamischer Theologie“ als akademischer Lehre. Es wurde sogar schon einer „Elitebildung muslimischer Theologen“ (man vergesse die Theologinnen nicht) das Wort geführt. Der Blick schweift dabei über jene Theologien, die in der Fläche an den Universitäten etabliert sind: Die amtskirchlich-christlichen mit ihren jeweiligen Differenzierungen in „das Praktische“ oder „das Fundamentale“. Kurzum: Ein verbreitetes Denkmodell sieht den in Deutschland als akademische „Lehre“ vertretenen Islam aus dem Blickwinkel gewohnter Strukturen – eine Theologie, eine Religionspädagogik, eine Fachdidaktik und ein schulischer Religionsunterricht, „auf Augenhöhe“ mit dem bereits Vorfindlichen. Verstärkt wird das durch die Tendenz etablierter christlicher Strukturen und ihrer Theologien, sich in der Hoffnung auf innere Konsolidierung und Selbstbehauptung gegenüber dem säkularen Staat der Muslime zu bedienen, ohne sich aber ernsthaft, will heißen: unter Verzicht auf Stereotype auf den Islam als Lehre einzulassen. Die Mischung aus dem hartnäckigen Ringen um „Klarheit“ in den christlich-theologischen Abgrenzungen und der gleichzeitigen solidarischen Verbrüderung aller Gottgläubigen mit den Muslimen gegen vermeintlichen Unglauben und gesellschaftlichen Werteverfall ist schon seltsam. Aber deshalb noch nicht illegitim.

Das Problem dabei: Strukturen verweisen auf Systeme und ihre besonderen Funktionen. In diesem Sinne ist Theologie zunächst einmal nichts anderes als der Geschäftsbereich einer religiösen Institution, die sie betreibt, durch Verträge abgesichert gegen Übergriffe von außen, intern aber mit stringenter Lehrzucht und nicht unbedingt demokratischer Kultur. Bei Theologie geht es auch um Ausbildungsstrukturen, Arbeitsplätze und Machterhalt. Ein schönes Beispiel für den Machtdiskurs konnte man beobachten, als die eine Kirche der anderen absprach, Kirche zu sein. Die Grundlage dafür war theologische Expertise, vorgenommen von dafür berufenen Profis (diesmal ohne Theologinnen).

Derlei Fingerübung möchten auch schon solche Musliminnen und Muslime praktizieren, die mit dem dazu passenden Habitus auftreten: Wir und nicht die anderen sind die legitimen Ansprechpartner! Auf der Visitenkarte eines Vertreters eines sog. „muslimischen Verbands“, die dem Verfasser unter die Nase gehalten wurde, stand doch tatsächlich die Berufsbezeichnung „Theologe“. Das ist insofern bedenklich, als natürlich die Notwendigkeit eines als akademische Lehre vertretenen Islams unbestritten ist, das dazu geeignete Personal mit der nötigen intellektuellen Kompetenz aber noch in weiter Ferne steht. Deshalb lassen wir das „Wer“ beiseite und bleiben beim „Wozu“ und „Wie“ islamischer Theologie.

Zunächst „Wozu“: Projekte wie der Islamische Religionsunterricht in der Schule führen die Muslime an die Herausforderungen des Grundsätzlichen heran, ohne dass die zu ihrer Bewältigung erforderlichen Diskurskulturen eingeübt worden wären. Der Tübinger Verfassungsspezialist Martin Heckel beschrieb schon vor einigen Jahren in einem Fachbeitrag zur Deutschen Juristenzeitung, dass es für Elternhaus, Schule und Moschee in Zukunft notwendig werde, ihre jeweiligen Kompetenzen auszuhandeln, was die Ausgestaltung des gemeinsamen religiösen Erziehungsrechts angeht. Diese Spannungen müssen ausgehalten und ausdiskutiert werden. Genau dazu bedarf es einer Islamischen Religionslehre in ihrer prinzipien-  und orientierungswissenschaftlichen Dimension. Es geht um das Handlungsleitende in Zeiten, da die Rigorosen versuchen, den Vernünftigen in Fragen der Religion das Heft aus der Hand zu nehmen..

Und das „Wie“? Die Moschee ist nicht Kirche, und die „Theologie“ des Islams folgt ihrer eigenen Grammatik. Die bekannte Konfliktlinie zwischen Beharren und Aufbruch ist mit Blick auf die Geistesgeschichte des Islams ein ebenso alter Hut wie der Streit, ob sich religiöse Expertise eher von unten nach oben oder von oben nach unten entfaltet. Für den Streitfall ruft der Islam seine denkende Zunft auf, den Konsens zu suchen zwischen der Wahrung des Tradierten und der Plausibilität des Neuen, und gefälligst in die sozialen Wirklichkeiten der Menschen hinein zu erden, was zu lehren ist. Man könnte also sagen: Theologie des Islams bedeutet auch, frei von Verlustangst und Herrschaftsanspruch miteinander zu reden. Dies ist kein avantgardistischer Anspruch, dies steht schon im Koran (42:38).

Können also Projekte wie Islamischer Religionsunterricht an der öffentlichen Schule und die dazu gehörige universitäre Lehrerbildung dazu beitragen, dass so etwas wie eine Theologie des Islams entsteht? Der Optimist meint „ja“. Ein Beispiel für die Formulierung des Fundamentalen vom Startpunkt des Praktischen aus kann in Heft 4 der Zeitschrift für die Religionslehre des Islams nachgelesen werden. (H. Behr: Die anderen fünf Säulen des Islams, Seite 7 ff.)

DIK-Redaktion, 19.02.2009

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