DIK - Deutsche Islam Konferenz - Muslimische Politikerin - Muhterem Aras

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Interview: Vom anatolischen Mädchen zur schwäbischen Politikerin

Über ein Direktmandat zog die Grünen-Politikerin Muhterem Aras bei den Wahlen in Baden-Württemberg 2011 in den Landtag ein.

Muhterem Aras wuchs in Ostanatolien auf. Aus einem Dorf, in dem es kein Strom und fließendes Wasser gab, kam die Zwölfjährige mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern nach Filderstadt in Baden-Württemberg. Dort fiel ihr als erstes auf, dass Frauen Auto fahren.
Nach der Mittleren Reife machte die Tochter kurdisch-alevitischer Gastarbeiter das Abitur und studierte Wirtschaftswissenschaften. Sie trat 1992 bei den Grünen ein. Aras ist seit 1999 Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat und Fraktionsvorsitzende. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 gewann sie in ihrem Stuttgarter Wahlkreis mit rund 43 Prozent der Stimmen das Direktmandat. Sie ist verheiratet, hat eine 14-jährige Tochter und einen 10-jährigen Sohn.

Frau Aras, seit wann sind Sie politisch aktiv?

Bis Mitte der 1980er Jahren war ich in heimatorientierten Vereinen engagiert, bin dann zu der Initiative „Einwanderer ins Rathaus“ gestoßen. Über diese Initiative bin ich zu den Grünen gekommen...

... und sind 1992 in die Partei eingetreten. Warum die Grünen?

Ausschlaggebend war der Umgang mit Minderheiten, Fremden, Migranten und die politische Situation damals: Es war die Zeit der Übergriffe auf Ausländer. Flüchtlingsheime wurden in Brand gesetzt, dabei kamen sogar Menschen zu Tode. Das war für mich der Anlass, mich aktiv in die hiesige Gesellschaft einzubringen und auch Verantwortung zu übernehmen. Mein politisches Interesse verlagerte sich damit von der Türkei auf Deutschland. Für Menschenrechte in der Türkei zu demonstrieren, war mir nicht mehr genug. Ich wollte dazu beitragen, dass sich auch hier etwas ändert.

Erstmals in den Stuttgarter Gemeinderat wurden Sie 1999 gewählt, inzwischen sind Sie Landtagsabgeordnete...

Ich wollte nach 12 Jahren im Stuttgarter Gemeinderat in den Landtag, weil hier die Strukturen der Bildungs- und Sozialpolitik maßgeblich geprägt werden. Ebenso die Grundlagen einer nachhaltigen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Deshalb bin ich froh, finanzpolitische Sprecherin der Fraktion zu sein. Mein Studium der Wirtschaftswissenschaften und meine Tätigkeit als Steuerberaterin bieten mir ein gutes Fundament dafür. Ich hatte mich auf Steuerrecht spezialisiert und selbstständig gemacht, um Beruf und Familie vereinbaren zu können.

Sie haben eine 14-jährige Tochter und einen 10-jährigen Sohn. Worauf achten Sie bei der Erziehung?

Mir ist wichtig, dass unsere Kinder ein starkes Selbstvertrauen entwickeln und eine gute Schulausbildung bekommen. Sie sollen ihre Talente und Fähigkeiten entfalten können. Zu Hause achten wir darauf, dass sie auch bei der Hausarbeit gleichberechtigt einbezogen werden; sie bekommen altersgerechte und nicht nach dem Geschlecht eingeteilte Aufgaben - und meckern, weil ich selbst nicht viel machen kann. Den Großteil der Hausarbeit übernimmt nämlich mein Mann, ich habe gar nicht die Zeit dafür.

Wie war es in Ihrem Elternhaus?

Wir stammen aus einem anatolischen Dorf und sind Aleviten. Für meine Eltern spielte die klassische Aufteilung bei der Erziehung von Jungen und Mädchen gewiss eine Rolle. Meine Schwester und ich waren in die Hausarbeit mehr eingespannt als meine Brüder, das fand ich damals auch nicht schlimm. Wenn ich lernen musste, war ich davon befreit. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir gut in der Schule waren. Wir bekamen kein Taschengeld, dafür Geld für gute Noten.

Welche Verbote gab es?

Uns Mädchen war vieles erlaubt, ich konnte mit ins Schullandheim, durfte zum Schwimmen, zum Tanzkurs. Was uns nicht erlaubt war, ohne dass es offen kommuniziert werden musste, wir Mädchen durften keinen Freund haben. Ich habe dann früh, als 20-Jährige, geheiratet. Das eigentlich Schwierige war für mich die Position als drittes von fünf Kindern – also das Sandwich-Kind zu sein. Ich musste mir alles erkämpfen. Im Nachhinein finde ich das gar nicht so schlecht. Das hat mich eher stark gemacht, heute profitiere ich davon.

Sie haben einen "Abi" - einen älteren Bruder. Wie hat er sich Ihnen gegenüber verhalten?

Mein älterer Bruder hatte bei meinen Eltern eine einflussreiche Stellung. Das hat er aber immer zu unseren Gunsten eingesetzt. Meine Schwester und ich konnten mit ihm ausgehen, er hat uns beispielsweise zu Konzerten mitgenommen. Ohne meinen Bruder wär all das nicht möglich gewesen. Unser Abi war ein Türöffner. Ich habe ihn nie als Aufpasser empfunden, wir haben durch ihn viel mehr Freiheiten gehabt.

Sie erwähnten, dass Sie Alevitin sind. Wie war Ihre religiöse Erziehung?

Im Dorf gehörte das religiöse Leben zum Alltag. In Deutschland haben unsere Eltern darauf geachtet, dass wir nicht auffielen. Vor allem unsere türkischen Nachbarn sollten nicht merken, dass wir Aleviten mit kurdischer Abstammung sind. Das muss eine Art von Zensur gewesen sein, die meine Eltern sich und uns auferlegt haben, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Die Religion geriet immer mehr in den Hintergrund.

Und wie sieht es heute bei Ihnen aus?

Die Religion spielt in meinem Alltag keine große Rolle mehr. Ich habe aber größten Respekt vor Menschen, die ihre Religion leben. Alle Menschen sollten den Raum haben, ihre Religion auszuüben und in keiner Weise dabei eingeschränkt werden, so lange sie sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Umgekehrt erwarte ich allerdings auch Respekt gegenüber denen, die nicht gläubig sind. Wissen kann vor Vorurteilen schützen, denke ich. Deswegen finde ich es wichtig, dass Kindern in der Schule das Wissen über die großen Religionen vermittelt wird. Meine Kinder beispielsweise gehen in den christlichen Religionsunterricht.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat der Islam einen schlechten Stand. Was könnte zum positiven Bild beitragen?

Der Islamunterricht sollte in den Schulen in deutscher Sprache am besten mit in Deutschland ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Mehr Begegnungsmöglichkeiten und Informationsaustausch zwischen Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturkreisen würde sicher die Toleranz untereinander fördern. Von Medien und Politikern wünsche ich mir einen sensibleren Umgang mit diesem Thema.

Das Interview führte Canan Topcu, 03.04.2012.

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