DIK - Deutsche Islam Konferenz - Portrait Omid Nouripour

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Interview mit Omid Nouripour: "Islampolitik ist nur ein Teil meines Portfolios"

Herr Nouripour, Sie sind 1975 im Iran geboren, leben seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland. Seit 1996 sind Sie bei den Grünen und wurden im Dezember 2002 zum Mitglied im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen gewählt. Seit 2006 sind sie Mitglied des Deutschen Bundestags und sicherheitspolitischer Sprecher Ihrer Fraktion ... aber nicht nur das, gleichzeitig sind Sie auch "bekennender Muslim", wie es in manchen deutschsprachigen Medien über Sie heißt. Bekennender Muslim - ist dies eine treffende Zuschreibung?

Omid Nouripour: Fragen Sie mich nicht warum, aber ich bin der einzige Bundestagsabgeordnete, der im Handbuch des Bundestags "Muslim" angegeben hat. Das ist wohl ein Bekenntnis.

Wie wichtig ist es Ihnen, als Muslim wahrgenommen zu werden?

Nouripour: Eigentlich ist mir das nicht wichtig. Der Glaube ist für mich Privatsache. Allerdings ist der muslimische Glaube in diesen Zeiten auch ein Politikum. Deshalb ist es ein politisches Bekenntnis, wenn ich sage "ich bin Muslim". Das richtet sich sowohl gegen Islamisten, die den Glauben für ihre menschenverachtenden Ziele vereinnahmen wollen, als auch gegen Rassisten, die unsere pluralen und demokratischen Grundwerte bekämpfen.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Muslimen und islamischen Gemeinden? Wird von Ihnen erwartet, dass Sie sich zu deren Fürsprecher machen?

Nouripour: Muslimische Gemeinden sind sehr heterogen. Genauso sind auch die Erfahrungen, die ich mache. Über die Jahre lässt sich aber beobachten, dass die Larmoyanz eher abnimmt. Hieß es früher "warum gibt man uns nicht die Rechte?", hört man heute glücklicherweise viel mehr "wir haben Rechte, die uns das Grundgesetz gibt". Das ist eine sehr gute Entwicklung.

Haben Sie in den vergangenen Jahren eine Veränderung der Fremdwahrnehmung feststellen können - in dem Sinne, dass sie von Parteikollegen und anderen Politikern heute mehr als früher in die Schublade "muslimischer Politiker" gesteckt werden?

Nouripour: Nein. Für mich war die reine "Migrationsecke" eine gläserne Decke. Ich arbeite derzeit im Verteidigungsausschuss des Bundestages. Da spielt meine Religion keinerlei Rolle. Trotzdem bekomme ich immer wieder Zuschriften mit wüsten, islamophoben Beleidigungen. Aber das halte ich aus.

Sie sind Sicherheitsexperte, beziehen immer wieder auch Stellung zu Fragen rund um den Islam in Deutschland. Haben Sie sich ganz bewusst entschieden, sich mehr in die politischen Debatten um den Islam einzubringen ? Oder sind Sie in diese Rolle nach und nach 'hineingeschlittert'?

Nouripour: Mir war immer wichtig, dass Islam- oder Migrationspolitik nur einen Teil meines Portfolios darstellt. Meine inhaltlichen Interessen sind viel breiter. Ich habe bereits im Europaausschuss und im Haushaltsausschuss gearbeitet und tue dies nun im Verteidigungsausschuss. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich um das Thema gar nicht mehr kümmere. Ich bin selbst wegen der Migrationsdebatte in Deutschland in die Politik gegangen. Das prägt. Außerdem ist das Thema Islam spätestens seit dem 11. September omnipräsent. Ich bringe mich in die Debatte ein, um beispielsweise zu zeigen, dass die Gleichstellung des Islam im Grundgesetz festgeschrieben ist. Die Deutsche Islam Konferenz hat hierbei leider noch nicht die versprochenen Ergebnisse geliefert.

Im Ihrem Buch "Mein Job, meine Sprache, mein Land" schildern Sie eine Szene, die sich kurz nach den Attentaten vom 11. September in einem Geschäft ereignete, dessen Stammkunde sie waren: Die Gespräche verstummten, als sie den Laden betraten. Ist diese Situation, in der Sie das Misstrauen gegenüber Muslimen persönlich erlebten, eine Ausnahme geblieben?

Nouripour: Leider nicht. Aber die Welt ist dazu da, verändert zu werden. Jammern hilft da nicht weiter.

Wie reagieren Sie, wenn Sie Misstrauen oder gar Ablehnung wahrnehmen?

Nouripour: Wenn es Beleidigungen sind, dann hilft nur, sie zu ignorieren. Aber es gibt auch Fälle, in denen sich aus Misstrauen ein Dialog entwickeln kann. Ich beschreibe in meinem Buch auch eine Situation, die ich in einem Flugzeug auf den Tag genau fünf Jahre nach dem 11. September 2001 erlebt habe. Eine Frau bekam Panik, als sie neben einem Algerier sitzen sollte, dessen Äußeres wohl ihrem Bild von einem Terroristen sehr ähnelte. Es dauerte eine Weile bis sie zu ihrem Platz kam und sich sichtlich nervös hinsetzte. Nach einigen Augenblicken nahm sie ihren Mut zusammen und sprach den Mann an. Es entwickelte sich daraus ein spannendes Gespräch, das den ganzen Flug über andauerte. Das Beispiel zeigt, dass miteinander sprechen Misstrauen und Ablehnung überwinden hilft. Und es unterstreicht einen mir sehr wichtigen Punkt: der Graben in unserer Gesellschaft verläuft nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, sondern zwischen Demokraten und Feinden der Demokratie.


Das Interview führte Canan Topcu, 08.01.10.

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