DIK - Deutsche Islam Konferenz - Cem Özdemir

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Porträt Cem Özdemir

Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker für Bündnis 90/ Die Grünen in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei recht unterschiedliche Arten wahrgenommen. Für die Deutschen war er 1994 der erste Türke, der erste Muslim, der in den Bundestag gewählt wurde – das Symbol gelungener Integration, die Erfüllung multikultureller Träume. Für die Türken in Deutschland war er das alles auch – und mehr: Endlich wurde einer von "ihnen" in der Politik wahrgenommen. Ernst genommen.

"Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger", sagt der 44-Jährige heute. Das ist natürlich auch Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie er. Heute ist Özdemir einer von zwei Vorsitzenden einer der wichtigsten bundesdeutschen Parteien. Bei den vergangenen Bundestagswahlen schaffte er in seinem Wahlkreis in Stuttgart I aus dem Stand fast 30 Prozent der Stimmen, das Direktmandat verpasste er nur knapp vor dem Konkurrenten der CDU.

Özdemirs Identitäten: anatolischer Schwabe und Inländer

Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Mit ihr zu spielen, sie auszuprobieren. Früh hat er sich als "anatolischen Schwaben" bezeichnet, schrieb seine Biografie unter dem Titel "Ich bin Inländer", um seine hybride Identität – als Deutscher und als Türken – zu erklären. Seine, und die vieler Nachkommen von türkischen Zuwanderern.

Denn gerade sie haben sehr viel von "ihrem Cem" erwartet. Viele aus der Generation seiner Eltern waren stolz auf Özdemir. Stolz darauf, dass es "einer von ihnen" geschafft hatte. Er war ihr Erlöser, ihr Aushängeschild, der lebende Beweis dafür, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein. All die Demütigungen, die harte, dreckige Arbeit in den Fabriken, das Zusammengepferchtsein in Wohnheimen: Wenn wir solche Kinder hervorbringen wie "unseren Cem", glaubten viele, dann hat sich die Mühe gelohnt.

Deutscher Politiker mit geringen Türkischkenntnissen

Sie mussten aber bald feststellen: Ihr erster "Landsmann" im Bundestag war nicht so wie sie. Sein Türkisch war nicht sehr gut - wie auch, im Bad Urach der frühen siebziger Jahre, wo Özdemir aufgewachsen ist, war seine Familie eine von ganz wenigen Zuwanderern am Ort. Man schwätzte Schwäbisch. Türke sein, das musste der spätere Muster-Inländer erst lernen.

Das mit der Sprache nahmen ihm wohl die wenigsten seiner "Landsleute" übel. Es war eher das Politische, was Cem Özdemir und die türkische Community lange voneinander trennte. Viele Türken konnten nicht verstehen, was seine Identität ausmachte, sie konnten nicht akzeptieren, dass ihr Aushängeschild zunächst einmal ein deutscher Politiker mit einer deutschen Sozialisation und Loyalität war, der kritisierte, was er für kritikwürdig hielt: die türkische Kurdenpolitik, das Militär, übersteigerte Religiosität, Nationalisten ebenso wie PKK-Anhänger. In deren Wahrnehmung selten diplomatisch. Er zeigte sich nicht als frommen Muslim oder ging auf Stimmenfang in Moscheen. Seine Welt war das nicht – und einige Türken fühlten sich abgewiesen und nannten ihn "Vaterlandsverräter".

Annäherung zwischen Politiker und Türken in der persönlichen Krise

Beide Seiten mussten lange warten: Cem Özdemir auf eine wirkliche Anerkennung der Türken – und die Türken in Deutschland auf einen von ihm gezollten Respekt.
Der Wendepunkt kam mit einer Erfahrung, die der Typ Spitzenpolitiker und der Typ Migrant selten teilen: das Scheitern. 2002 stürzte Cem Özdemir, der Medienstar, so tief, dass keiner wusste, ob er je wieder aufsteigen würde. Er hatte sich bei einem bekannten PR-Berater Geld geliehen und Bonusmeilen aus Dienstreisen privat genutzt. Er zog die Konsequenzen und legte mitten im Wahlkampf sein Mandat nieder. Seine Partei ließ ihn fallen. Und die Türken fingen ihn auf. Näherten sich ihm wieder an – und er sich ihnen. "Wir haben alle Stadien einer Beziehung durchlebt. Am Anfang war es eine unüberlegte, irrationale Liebe mit zu viel Leidenschaft und Eifersucht. Mittlerweile ist sie gereift", sagt Cem Özdemir.

Plötzlich konnte man sich mit ihm identifizieren, vielleicht nicht mit dem Politiker Özdemir, nicht mit dem Türken. Und auch nicht mit dem Muslim, als der er immer wieder in Artikeln etikettiert wird, als sei das ein Naturgesetz. Sie identifizierten sich mit ihm in seinem Scheitern. Auch Özdemir war nun einer, der wusste, wie es ganz unten aussieht, der Mist gebaut hatte, der auch nicht auf dem Gymnasium war. Und der sich wieder hoch kämpfte. Da war er auf einmal wieder: der Sohn türkischer Gastarbeiter.

Özdemir als Deutsch-Türke, nicht als gläubiger Muslim oder Nationalist

In seinen grundlegenden Überzeugungen ist Özdemir bei sich geblieben: Er ist nach wie vor für die Gleichstellung von Homosexuellen, die viele Muslime ablehnen, er zerpflückt immer noch den türkischen Machismo oder patriarchalische Strukturen. Aber Özdemir ist nun mal kein türkischer Nationalist – und auch kein Alevit, Kurde oder gläubiger Muslim. Seine türkische Identität ist unbeschrieben, unkategorisiert.

Der neue Özdemir macht gleichzeitig noch etwas anderes. Er sagt Dinge wie: "Den türkischen Teil meiner Identität habe ich lange verkümmern lassen." Er hat die Sprache seines Herkunftslandes gelernt und führt heute Fachgespräche im feinsten Hoch-Türkisch. Er verbeugt sich auch ab und zu vor den Leistungen der Türken. Özdemir sieht sie, erkennt sie an, geht schonend und verständnisvoll, aber nicht unkritisch mit ihrem Glauben um. Vielleicht geht das heute, weil sich auch die Deutsch-Türken verändert haben. Weil sie ihm und sich heute den Freiraum zugestehen, den seine deutsch-türkische Identität erfordert. Seine und ihre.


Özlem Topcu, 23.02.2010

Özlem Topcu ist Redakteurin bei der Zeit. Sie studierte Islam-, Politik- und Medienwissenschaft und war vor ihrer Tätigkeit bei der Zeit als freie Journalistin aktiv. Für ihre journalistischen Tätigkeiten erhielt sie im Jahre 2008 den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, den Theodor-Wolff-Preis.

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