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Religionsfreiheit im Alltag von Muslimen in Deutschland

Welche Besonderheiten machen den Alltag von Muslimen in Deutschland aus? Selbstverständlich ist der Alltag jedes Muslims und jeder Muslimin verschieden. Auch deshalb, weil religiöse Vorschriften auf verschiedene Art und Weise umgesetzt werden. Einige Einstellungen und Verhaltensweisen sind von den Eltern übernommen worden, andere hat jeder Einzelne für sich entschieden. Um einige Eindrücke zu bekommen, wie gelebte Religiosität im Einzelfall aussieht und wie Muslime die tägliche Religionsfreiheit in Deutschland einschätzen, berichten einige Muslime über Ihren Alltag.

Im Islam gibt es einige Speisevorschriften – beispielsweise sollen Muslime kein Schweinefleisch, am besten nur geschächtetes Fleisch essen und keinen Alkohol trinken. Halten sich Muslime in Deutschland an diese Vorschriften? Ist das im Alltag in einem nicht muslimisch geprägten Land schwierig?

Ümmühan Çiftçi, 20, Medizinstudentin und Geschäftsführerin der Simit Sneckbar in Kassel: Ich esse kein Schweinefleisch und achte auch ansonsten darauf, dass mein Essen halal (islamisch erlaubt) ist. Ich trinke auch keinen Alkohol. Das ist manchmal etwas schwierig, denn ich habe besonders in Marburg, wo ich Medizin studiere, ein deutsches Umfeld. Viele sehen mich auf Veranstaltungen oder Parties erst einmal als Spielverderberin, wenn ich es ablehne, Alkohol zu trinken. Meine Freunde wissen allerdings, dass ich auch ohne Alkohol enorm Spaß haben kann. Unter jungen Menschen wird Alkohol meist als ein „Muss“ empfunden. Das kann manchmal sehr unangenehm sein. Ich rede und diskutiere gern über die religiösen Hintergründe meiner Entscheidung gegen Alkohol. Aber auch für mich gibt es Grenzen, wenn Leute es einfach nicht verstehen wollen und mich immer wieder auffordern doch einen bisschen zu trinken – das schade mir schon nicht. Das ist dann schon manchmal ausgrenzend.

Karl-Heinz Abdulkarim Schultz, 48, Verwaltungsangestellter: Ich weise höflich darauf hin, dass ich kein Schweinefleisch esse. Darauf wird in meinem Umfeld positiv eingegangen. Insgesamt stoße ich mit den muslimischen Essensvorschriften auf große Akzeptanz und Toleranz und habe eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Es ist ja auch nicht viel anders, wenn jemand Vegetarier ist. Meine Frau und ich kaufen unser Fleisch in einer türkischen Fleischerei und gehen davon aus, dass es dort halal ist. Da ich nicht muslimisch erzogen worden bin, ist mir die Frage, ob das Fleisch geschächtet ist, nicht so wichtig. Wichtiger ist mir die Vorschrift, kein Schweinefleisch zu essen.

Julia Feder*, 37, Soziologin: Seit meiner Konversion halte ich mich an die Speisevorschriften des Islams, was mir als Berlinerin im Alltag keine Schwierigkeiten bereitet. Weder beim Einkauf noch im Berufsleben. Ich trinke keinen Alkohol, esse kein Schweinefleisch, kaufe Fleisch im türkischen Lebensmittelgeschäft und greife gerne zu vegetarischer Kost, wenn ich mir über den Inhalt von Speisen im Unklaren bin. Im Vergleich zu manch anderen Konvertiten habe ich jedoch eine pragmatische Einstellung zu den Speisevorschriften, was eng mit meinem Verständnis der Religion und ihrem Sinn für den Menschen zusammenhängt. So verstehe ich diese Gebote in keiner Weise als Selbstzweck, deren Erfüllung meine ganze Aufmerksamkeit und Zeit in Anspruch nehmen soll, indem ich z.B. nach der Herstellung von Mono- und Diglyceriden forsche. In den Geboten sehe ich vielmehr Gottes Fürsorge, Ratschlag und Liebe, seinen Geschöpfen nur das Beste und Gesündeste angedeihen zu lassen, um sich dem Kern des Islams widmen zu können.

Deniz Bulut*, 27, Realschullehrerin in den Fächern Mathematik und Erdkunde, macht eine Weiterbildung zur islamischen Religionslehrerin in Baden-Württemberg: Ich versuche so oft es geht, halal zu essen. Im Geschäft, oder schon vorher per E-Mail, frage ich an, ob das Fleisch halal ist. Wenn ich allerdings bei muslimischen Freunden eingeladen bin, frage ich nicht nach, weil ich das unhöflich finde. Ich achte auch auf andere Bestandteile, die ich nicht esse, wie Gelatine. Es ist allerdings manchmal schwierig zu wissen, was ich essen kann und was nicht. In der Kantine oder in der Schule, wo ich arbeite, versuche ich mich nicht auszuschließen, in dem ich mitesse, aber dann eben nur Bestimmtes.

Eine der fünf Säulen des Islams ist das fünfmal tägliche Gebet. Wie integrieren Muslime die Gebetszeiten in ihren Arbeitsalltag? Gibt es Räume am Arbeitsplatz, wo sie beten können?

Karl-Heinz Abdulkarim Schultz: Ich versuche die fünfmaligen Gebete einzuhalten, aber wenn ich sie in der Woche nicht tagsüber schaffe, dann hole ich sie abends nach. Soweit ich weiß, gibt es keinen Gebetsraum an meiner Arbeitsstelle, aber ich habe mich auch nicht danach erkundigt. Ich arbeite an einer Hotline und habe daher schwer planbare Arbeitszeiten, so dass es schwierig wäre, die Gebetszeiten einzuhalten. Ich könnte wahrscheinlich in meinem Büro beten, aber dann müsste ich in der Herrentoilette die Waschungen vornehmen und das möchte ich aus Rücksicht auf meine Kollegen nicht tun. Ich komme so zurecht.

Ümmühan Çiftçi: Ich versuche das fünfmalige Gebet einzuhalten. Leider klappt es noch nicht immer ausnahmslos. Das Beten ist mir wichtig und auch immer entspannend – eine spirituel-le Reinigung – für mich. An der Uni Kassel treffen sich Freundinnen von mir in einem nicht so häufig besuchten Teil der Bibliothek und beten dort gemeinsam. Es gibt dort keinen mir bekannten speziellen Raum zum Beten. An der Uni Marburg, wo ich studiere, gibt es zwar einen solchen Raum, aber als Medizinstudentin muss ich immer viel zwischen verschiedenen Fakultäten hin und her wechseln und deshalb ist es fast unmöglich, dass ich es regelmäßig schaffe, in dem Raum zum Beten vorbeizukommen. Das ist aber kein Problem, denn ich hole die Gebete dann später nach.

Menschen, die die Religion des Islam neu annehmen – muslimische Konvertiten und Konvertitinnen – passen ihren Alltag häufig der neuen Religion an. Wie reagiert das Umfeld der Konvertiten auf den Wechsel der Religion?

Julia Feder*: Obwohl ich in einer Zeit konvertiert bin, als der Islam noch kein Thema von gesellschaftlichem Interesse war, hat mein Umfeld zwiespältig darauf reagiert. Einerseits hörte ich Meinungen, ich hätte mich sehr zum Positiven geändert, andererseits begegnete manch einer mir mit völliger Ablehnung.

Karl-Heinz Abdulkarim Schultz: Ich komme aus einem kleinen Ort in der Oberpfalz, in dem noch von der Kanzel verkündet wurde, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Das war für meine Familie schon nicht einfach und als ich dann später zum Islam konvertiert bin, hat vor allem die ältere Generation mit Unverständnis reagiert. Eigentlich hatten sich dann im Laufe der Zeit die Wogen wieder geglättet. Aber das Thema ist noch einmal kritischer geworden, als ich meine drei Kinder natürlich nicht christlich taufen gelassen, und ihnen muslimische Namen gegeben habe. Daran können sich die älteren Mitglieder meiner Familie nicht gewöhnen. Aber jetzt lebe ich in einer Großstadt und stoße mit meiner Religion allermeistens auf tolerante Menschen.

Wie bewerten Muslime die Religionsfreiheit in Deutschland? Fühlen sie sich in ihren Rechten beschützt?

Ümmühan Çiftçi: Ich halte die Situation in Deutschland für noch nicht ideal, aber im Großen und Ganzen wird die Religionsfreiheit gewährt. Wenn ich mit Kopftuch tragenden Freundinnen oder meiner Mutter unterwegs bin, merke ich, dass Probleme bzw. Vorurteile herrschen und die Religionsfreiheit nicht ganz in den Köpfen der Menschen idealerweise auch ausgelebt wird. Auf den ersten Blick sieht man mir vielleicht nicht sofort an, dass ich Muslimin und türkischer Herkunft bin, deshalb wurde ich persönlich mit nicht so vielen negativen Erfahrungen konfrontiert. Dennoch weiß ich von meinem Umfeld, dass beispielsweise das Tragen des Kopftuchs schon vieles verändern kann. Ich finde, wir sollten in Deutschland eigentlich so weit sein, dass man die persönlichen Entscheidungen anderer respektiert, Religion auf individuelle Weise zu leben.

Julia Feder*: Ich bin sehr stolz auf das deutsche Grundgesetz, insbesondere vor dem Hintergrund deutscher Geschichte. Umso mehr ärgert es mich, wenn es nicht eingehalten wird. Die Religionsfreiheit unserer Verfassung verstehe ich als ganz besonderes Gut, das wir uns nicht durch falsche Debatten oder den Vergleich mit Ländern, in denen es nicht eingehalten wird, zerstören sollten. Ich persönlich verdanke diesem Grundrecht, dass ich meinen Sinn des Lebens suchen und finden konnte.

Deniz Bulut*: Von den Gesetzen fühle ich mich beschützt, aber die Gesellschaft in Deutschland hat mit sichtbarer muslimischer Religiosität ein Problem. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Erlebnis, dass ich während meiner Lehrerinnenausbildung in Hessen gemacht habe. Ich hatte eine schriftliche Ausnahmegenehmigung erhalten, dass ich mit Kopftuch als Lehramtsreferendarin an einer Schule arbeiten könne, solange das zu keinen Problemen an der Schule führte. Zunächst ging das auch sehr gut. Ich bin gut mit den Schülern zurecht gekommen, wurde von ihnen respektiert und akzeptiert als Lehrerin. Die Schule hatte einen sehr hohen Ausländer- und Migrantenanteil. Allerdings waren einige meiner Lehrerkollegen und eine Elternbeirätin dagegen, dass ich mit Kopftuch hospitiere und unterrichte. Deshalb durfte in mehreren Klassen nicht mehr hospitieren. Schließlich wurde ich dazu gedrängt, das Kopftuch abzulegen. Auf meinen Wunsch hin habe ich dann die Schule gewechselt und habe dort begonnen, ohne Kopftuch zu unterrichten – was ich bis heute noch tue. Das Recht war also in diesem Fall auf meiner Seite, nur gegen die voreingenommene Gesellschaft bin ich nicht angekommen.

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden von der DIK-Redaktion geändert.

Die Fragen stellte Iris Exo, 02.04.2009.

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