DIK - Deutsche Islam Konferenz - Kopftuch im Berufsleben

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Das Kopftuch im Berufsleben

"Wie kann diese Schulleiterin über mich urteilen, wenn sie mich nicht einmal kennt?!" fragt sich die Lehramtsstudentin Serpil Efe. Sie trägt wie viele Musliminnen in Deutschland ein Kopftuch und ist enttäuscht darüber, dass sie aus diesem Grunde schon wieder eine forsche Absage für ihre Bewerbung als Praktikantin an einer Kreuzberger Grundschule erhält. Eine Studie von Human Rights Watch im Februar 2009 kritisiert die Kopftuchverbote in deutschen Bundesländern.

Dass das Kopftuchverbot kein abstraktes Gesetz ist, sondern einschneidende Konsequenzen für das Leben der betroffenen Frauen hat, spürt die angehende Deutsch- und Französischlehrerin häufig an der eigenen Haut: "Nach einem Bewerbungsgespräch fühlte ich mich sehr erniedrigt. Die Schulleiterin sagte, sie stehe für das Bild einer aufgeklärten Frau und könne das Kopftuch an ihrer Schule daher nicht dulden. Sie schlug vor, ich könne das Kopftuch abnehmen und dann gerne das Praktikum an ihrer Schule machen - sie verstand gar nicht, was das eigentlich für mich bedeutet!" Nach mehreren frustrierenden Absagen blieb der Berliner Studentin nur die Bewerbung an einer Privatschule, wo sie ihr Berufspraktikum schließlich absolvieren konnte.

Dr. Antje Dohrn, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin, ist dieses Problem gut bekannt. Sie bildet auch Lehramtsstudentinnen mit Kopftuch aus und kennt die Schwierigkeiten, die dieses Berufsziel für die jungen Frauen mit sich bringt: "Für die Studentinnen ist es äußerst schwer, eine Stelle als Praktikantin oder auch als Referendarin zu bekommen. Die Jobsuche gestaltet sich noch komplizierter: Lehrerin mit Kopftuch an einer staatlichen Schule zu werden, ist hier in Berlin nahezu unmöglich. Oft rate ich meinen Studentinnen, früh Alternativen ins Auge zu fassen, wie etwa den Umzug in ein Bundesland, wo den Lehrerinnen das Kopftuchtragen an den Schulen noch erlaubt ist, oder auch das Unterrichten an Privatschulen."

Auch die Studentin Serpil Efe sieht hier keine Alternative. Wenn sie ihr Studium in einigen Wochen abgeschlossen hat, will sie sich für ihr Referendariat an einer türkischen Privatschule bewerben: "Hier stellt mein Kopftuch kein Problem dar. Wichtig sind meine Fähigkeiten als Lehrerin."

Vorurteile gegenüber dem Kopftuch im Berufsalltag

Neben dem Lehrerberuf haben Frauen mit Kopftuch auch in anderen Berufsfeldern mit Vorurteilen zu kämpfen. So stoßen sie häufig auf die viel verbreiteten, pauschalisierenden Ideen, kopftuchtragende Frauen werden hierzu gezwungen und von ihren Männern unterdrückt. Darüber hinaus wird oft auch davon ausgegangen, sie seien rückständig, dem politischen Islam zugeneigt.

Diese Ansichten, die man den Frauen auf Grund ihres Kopftuchs unterstellt, konnten von einer im September 2006 von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichten Studie mit dem Titel "Das Kopftuch - Entschleierung eines Symbols?" nicht bestätigt werden. So tragen 97 Prozent der befragten Frauen das Kopftuch aus religiösen Gründen und haben sich überwiegend selbst dazu entschieden. Auch ein häufig postuliertes fragwürdiges Staats- und Demokratieverständnis konnte nicht belegt werden: So stimmen 90 Prozent der Musliminnen dafür, eine Regierung solle vom Volk gewählt werden. Die Mehrheit der kopftuchtragenden Frauen bevorzugt darüber hinaus gleichberechtigte Partnerschaftsmodelle.

Blick nach vorn: Kopftuch und Erfolg im Beruf

Auch die Ingenieurin Berrin Yilmaz* kennt diese Vorurteile nur allzu gut. In ihrem Berufsalltag stellt ihr Kopftuch jedoch kein Problem dar. Berrin Yilmaz entschied sich erst während ihres Arbeitsverhältnisses für das Tragen des Kopftuchs und war ganz überrascht, dass dieser Schritt von ihren Arbeitskollegen und ihrem Chef ohne weiteres akzeptiert wurde: "Ich plante Tage zuvor, wie ich mit meinem Chef darüber reden könnte und war von seiner knappen Reaktion ganz überrascht. Er meinte, es wäre ihm egal, was ich während meiner Arbeit trage - was zählt ist, dass die Arbeit gut gemacht wird."

Allerdings, so fügt sie schmunzelnd hinzu, sei sie anfangs von den Pförtnern des Öfteren für die Reinigungskraft gehalten worden. Dass eine Frau mit Kopftuch wie sie fließend Deutsch spreche und nicht die Reinigungskraft, sondern die Projektleiterin sei, käme den meisten anfangs nicht in den Sinn.

Probleme habe es nur gegeben, als ihr Chef sie vermehrt für den Kontakt mit großen Kunden einsetzen wollte. "Wir waren uns einfach nicht sicher, wie die Reaktion des Gegenübers ausfallen würde", erinnert sich die junge Ingenieurin. Das positive Feedback seitens der Kunden bestärkte ihren Chef jedoch darin, sie auch weiterhin für die Außenkontakte einzusetzen. Heute tue er dies mitunter ganz bewusst: "Mein Chef meinte dann zu mir, es wäre doch toll, wenn gerade ich, da ich doch ein Kopftuch trage, für diesen wichtigen Auftrag zuständig wäre!"

Der mit * gekennzeichnete Name wurden von der DIK-Redaktion geändert.

Kristina Dohrn, 15.04.2009

Mehr zu diesem Thema:

Link zur Studie von Human Rights Watch (Februar 2009): Human Rights Watch Deutschland: Diskriminierung im Namen der Neutralität - Kopftuchverbote für Lehrkräfte und Beamtinnen in Deutschland

Link zur Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (September 2006): Konrad-Adenauer-Stiftung: Frank Jessen / Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Das Kopftuch – Entschleierung eines Symbols?

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