DIK - Deutsche Islam Konferenz - Interview mit Dr. Necla Kelek

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Interview mit Dr. Necla Kelek zum Thema Kopftuch

Das muslimische Kopftuch ist seit mehreren Jahren präsent in Deutschland. Viele Musliminnen betonen ihren freien Willen bei der Entscheidung für das Kopftuch. Kritiker werfen ein, dass das Kopftuch die Unterdrückung der muslimischen Frau durch den Islam symbolisiere. Warum trägt aus Ihrer Sicht ein Großteil muslimischer Frauen das Kopftuch? Wie stehen Sie zu Erklärungen der selbst bestimmten Entscheidung für das Kopftuch?

Dr. Necla Kelek: Ihre Fragestellung geht wie selbstverständlich davon aus, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol ist. Dabei ist es nicht aus dem Koran, sondern nur aus der Tradition zu begründen. Mohammed wollte, so wird es im Koran dargestellt, seine Frauen vor Belästigungen schützen und empfahl ihnen, den Schleier über die Brust zu ziehen. Nach islamischer Auffassung sind die Menschen nicht in der Lage ihren Trieb durch Vernunft, d.h. Verstand zu steuern. Daher die Empfehlung, dass Frauen sich vor den Männern, die sich nicht kontrollieren können, verhüllen, um sie nicht sexuell zu erregen. Mit Ehrfurcht vor Allah hat das Kopftuch daher nichts zu tun, sondern mit der muslimischen Schamkultur. Nun haben wir in unserer Gesellschaft Gesetze, die Frauen vor Belästigung durch Männer schützen. Unsere Gesellschaft verlangt von den Männern, sich zu beherrschen und will, dass die Frauen gleichberechtigt in der Öffentlichkeit auftreten können. Es gibt viele muslimische Frauen, die das Kopftuch als archaisches Symbol einer Männerherrschaft ablehnen. Wenn aber muslimische Frauen das Kopftuch freiwillig tragen, ist das auch ihr Recht. Aber sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie damit eine ganz bestimmte Botschaft senden. Sie sagt damit, ich bin eine ehrbare Frau, meine Reize gehören nur meinem Mann, ich ordne mich ihm unter und fürchte, sonst belästigt zu werden. Das ist eine politische Botschaft auch an die deutsche Gesellschaft. Inzwischen ist das Kopftuch ein politisches Symbol, das einer muslimischen Identität, die sich aus religiösen, traditionellen, patriarchalischen Motiven von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Wenn ich in Berlin-Wedding, in Köln oder Paderborn die verschleierten jungen Importbräute hinter ihren verschleierten Schwiegermüttern laufen sehe, bezweifle ich, dass sie sich dieses verschleierte Leben freiwillig ausgesucht haben.

Es ist auch zu beobachten, dass bereits junge muslimische Frauen ihre Haare bedecken. Oft gehen Sie dabei einen eigenen "modischen" Weg. Sehen Sie darin eine Identitätssuche?

Dr. Necla Kelek: Zu beobachten sind die unterschiedlichsten Varianten. Da gibt es den Schleier, der von Studentinnen wie ein politisches Statement (Palästinensertuch) getragen wird, oder im Gegensatz dazu den Hermès-Turban kombiniert z.B. mit engen bauchnabelfreien Hosen, mit der die junge Frau wohl als Islam-Bitch provozieren will. Es ist, um es theoretisch zu fassen, eine Veränderung im Gang. Es wird nicht mehr gefragt "Was soll ich glauben?", sondern "Wie soll ich glauben?". Weil nicht sicher ist, was geglaubt werden kann, weil der Glaube immer weniger mit der erlebten Realität übereinstimmt, werden Äußerlichkeiten der Abgrenzung und Identifikation umso wichtiger. Islam wird zur Modeerscheinung. Und zwar in mehrfacher Hinsicht: als strikte Abgrenzung zur westlichen Welt, als Legitimation des Rückzugs in die Gegengesellschaft einerseits, andererseits als Offensive, die vor allem bei jungen Muslimen das Anderssein, die eigene Identität stärken soll. Beiden Elementen dieser Islam-Mode ist eins gemein: der Versuch mit konservativer oder provokativer Mode zu kompensieren, weil es für sie ein Getragen-Sein durch die Religion nicht wirklich gibt. Diese jungen Frauen sind auffällig und werden gern als Beispiele vorgeführt, dass das Problem sich von selbst lösen wird. Aber die, die in den Häusern, hinter ihren Schwiegermüttern, eigenen Müttern, unter Kopftüchern verschwinden, deren Identität die Nichtexistenz in der Öffentlichkeit ist, das Schicksal dieser Frauen wird nicht beachtet. Es sollte uns aber interessieren. Wenn wir über das Kopftuch sprechen, müssen wir gerade über sie sprechen.

Ab welchem Alter halten Sie ein Mädchen oder eine junge Frau aus soziologischer Sicht für reif genug, eine eigene Entscheidung in Sachen Kopftuch zu treffen?

Dr. Necla Kelek: Das Grundgesetz ist da eindeutig. Religionsmündig ist man in Deutschland ab dem 14. Lebensjahr. Deshalb meine ich, dass das Kopftuch an Grundschulen nichts zu suchen hat. Das Kopftuch macht Mädchen bereits vor der Pubertät zu Sexualwesen, ihnen wird das "Recht auf Kindheit" genommen. Das kann nicht im Sinne unserer Gesellschaft sein, die den gleichberechtigten, selbstbewussten und selbstverantwortlichen Bürger braucht. Wer kleinen Mädchen das Kopftuch aufdrängt, missbraucht die Religionsfreiheit.

Das Interview führte Leila Donner-Üretmek. 14.04.2009

Zur Person:
Necla Kelek ist in Istanbul geboren, kam im Alter von zehn Jahren nach Deutschland und hat in Hamburg und Greifswald Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema "Islam im Alltag" promoviert. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Publizistin in Hamburg und Berlin und schreibt über Themen wie Parallelgesellschaften, Islam, Integration und Türkei.

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