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Neue Kopftuchmode in Deutschland   

Nazli liegt mit ihrem Satin-Kopftuch farblich voll im Trend. Petrol ist nämlich die Farbe der Saison. Die 20jährige Abiturientin trägt dazu einen passenden grünen Kapuzenpullover und einen langen weißen Rock.


Ein sportliches Outfit ist für kopftuchtragende Frauen heute kein Problem mehr. Vorbei sind die Zeiten, als muslimische Mädchen nicht am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen konnten. Eine kleine Revolution war 2006 die Erfindung des Burkini. Der religiös unbedenkliche Ganzkörper-Badeanzug verdankt seinen Namen einer Wortschöpfung aus Burka und Bikini. Aus einem leichten Stoff, dem eines Badeanzugs ähnlich, erinnert er an einen Taucheranzug und bedeckt alle Körperteile außer Händen, Füßen und dem Gesicht. Durch die integrierte Kopfbedeckung, die sich wie eine Kapuze über den Kopf ziehen lässt, kann die Muslimin nun auch Tauchen und Schwimmen ohne Haar zu zeigen.

Kopftuch und trotzdem sportlich

"Am liebsten mag ich Kopftücher aus Seide aber die sind meist viel zu teuer." Nazlis Freundin Serra erklärt, dass es auch unter den verschiedenen Nationalitäten unterschiedliche Varianten der Kopftuchmode gibt: "Arabische Mädchen tragen häufig schalartige Tücher, manchmal gestreift und oft nur locker um den Kopf gebunden. Türkische Frauen tragen eher die viereckigen Tücher, die mit Nadeln festgesteckt werden." Unter jedes Kopftuch gehört auch ein "Bone", ein Unterkopftuch, das die Haare im Zaum hält. Je nach Anlass ist dieses ganz schlicht oder mit Perlen, Strasssteinen oder Stickereien verziert. "Das Kopftuch sollte auf jeden Fall zur Kopfform passen und den Typ unterstreichen", findet Serra. Den Freundinnen ist es wichtig, ihre religiöse Pflicht zu erfüllen, aber dabei individuell auszusehen. Nazli fügt hinzu, dass die Kleidung weiblich aber nicht zu eng sein sollte: "Ich zum Beispiel kleide mich am liebsten sportlich."


Eine Lücke auf dem deutschen Markt hat die Berlinerin Nele Abdallah mit ihrem Online-Shop "Dressed To Swim" geschlossen. Über den Internet-Versand kann man nicht nur den original Ahiida-Burkini beziehen, sondern auch verspieltere Stücke der türkischen Firma Haşema. Diese Modelle mit Namen wie Astara oder Odile sind mehrteilig, bestehend aus Hose, Tunika und Kopfbedeckung. "Die Teile sind alle sehr angenehm zu tragen, weil sich das sehr dünne, beschichtete Material nicht mit Wasser vollsaugt", erläutert Nele Abdallah. Ihre Kunden sind tendenziell unter 40, aber auch Kundinnen über 60 Jahre hat die Unternehmerin schon mit Bademode versorgt. Dabei sind auch unter muslimischen Frauen die Geschmäcker sehr verschieden. "Wir führen unterschiedliche Modelle in vielen Farben, gemustert, geblümt aber auch in uni. Bei Sammelbestellungen werden so gut wie nie zwei gleiche Modelle geordert", berichtet die Unternehmerin.


Individualität ist entscheidend

Auch für Nazli und ihre Freundin Serra ist es besonders wichtig durch Kleidung ihre Individualität auszudrücken. Entscheidend sind für Serra auch die Accessoires: "Ein Muss sind zum Outfit passende Details wie eine schöne Tasche, ein passender Schal und die richtigen Schuhe – gerne auch mit Absatz." Seitdem die ersten Gastarbeiter in den sechziger Jahren in die Bundesrepublik kamen, hat sich die Mode für Musliminnen in Deutschland stark verändert. Junge Frauen wollen sich nicht mehr wie ihre Mütter mit langen grauen Mänteln und geblümten Baumwollkopftüchern verhüllen.


Serra meint, dass Nazli seitdem sie sich vor zwei Jahren entschieden hat, das Kopftuch zu tragen, erst so richtig ihren eigenen Stil entwickelt hat. "Früher hat sie einfach nur Jeans und Pulli angehabt. Jetzt achtet Nazli viel mehr darauf, dass ihr Outfit auch farblich zusammen passt." Die passenden Stücke finden die beiden Freundinnen – genau wie deutsche Frauen – bei Modeketten wie H&M oder Zara. Aber auch bei dem Internetversand "Styleislam" hat Nazli schon etwas gekauft.


"Ernsthaft glauben und dabei locker bleiben"

Über den Internetversand von Melih Kesmen kann man sportliche Kleidung mit religiösem Bekenntnis bestellen. Für den T-Shirt- Aufdruck hat man bei "Styleislam" die Wahl zwischen Motiven wie "Hijab – My RightMy ChoiceMy Life"oder "Terrorism Has No Religion". Angefangen hat alles mit dem Slogan "I Love My Prophet", den sich Kesmen 2005 auf ein T-Shirt gedruckt hatte. "Ich war wütend und enttäuscht darüber, wie sich Muslime und Nicht-Muslime verhalten haben als es zum Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen kam", erklärt der 33jährige Designer. "Mit dem T-Shirt wollte ich einfach zeigen, dass ich zu meiner Religion stehe, aber trotzdem nicht fanatisch bin." Auf sein T-Shirt bekam der Deutsch-Türke so viel positive Resonanz, dass sich daraus die Geschäftsidee zu "Styleislam" entwickelt hat. "Unser Motto lautet: Ernsthaft glauben und dabei locker bleiben". Die Botschaft kommt scheinbar an. Denn das Geschäft läuft gut und nicht nur Muslime bestellen Kapuzenpullover, T-Shirts oder Babylätzchen. Damit auch die weiblichen Kunden mehr Auswahl haben, kommt demnächst eine neue Kollektion heraus. "Wir arbeiten gerade mit einer arabischen Nachwuchsdesignerin in Deutschland zusammen, die für uns richtig schöne Stücke entworfen hat", freut sich Kesmen.


Seine individuelle Identität als Muslim auszudrücken und sich trotzdem modisch zu kleiden, wird für muslimische Jugendliche in Deutschland immer selbstverständlicher. Die 19jährige Serra ist in ihrer Heimatstadt Lübeck lokalpolitisch aktiv und ist sich mit ihrer Freundin Nazli einig: "Unsere Generation ist ein ganz normaler Teil der deutschen Gesellschaft. Nur weil wir ein Kopftuch tragen, heißt das nicht, dass wir nicht dazu gehören wollen und modisch nicht mit der Zeit gehen können." Der Grafikdesigner Kesmen fördert mit seinen Shirts die Kommunikation auf kleinster Ebene. "Wenn ein Deutscher mich fragt wie denn der Slogan "Jesus and Mohammed – Brothers in Faith" gemeint ist, dann kommt man ins Gespräch. Und Dialog verbindet."

Silke Brandt, 28.04.2009

Zur Person: Silke Brandt studierte Politische Wissenschaft und Islamwissenschaft in Hamburg, verbrachte längere Zeit in Kairo und ist seit 2005 Redaktionsmitglied bei Zenith, Zeitschrift für den Orient.

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