DIK - Deutsche Islam Konferenz - Interview mit Erika Theißen

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Mit Kopftuch aktiv in der Gesellschaft -
Interview mit Erika Theißen

Frau Theißen, Sie haben einmal gesagt, dass Sie eine Brücke zwischen Gesellschaft und Muslimen herstellen möchten und dies als Ihren Beitrag zur Gesellschaft betrachten. Wie sieht Ihr Brückenbau konkret aus? Wo und wie engagieren Sie sich?

Erika Theißen: Schon vor 20 Jahren hat mich als deutsche Lehrerin die mangelhafte Bildungssituation muslimischer Mädchen sehr betroffen gemacht, deshalb begann ich im Freundeskreis muslimischer Frauen dafür zu werben, ein Bildungszentrum aufzubauen. Wir gründeten 1996 das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. (BFmF e.V.), dessen Name das Ziel beinhaltete. Als muslimische Frauen wollten wir unseren Teil zum gesellschaftlichen Gelingen beitragen, indem wir der interkulturellen Begegnung und dem Dialog breiten Raum geben, aber auch durch Bildung muslimische Frauen zur gleichberechtigten Teilhabe qualifizieren, um Bildungsbenachteiligungen und –defizite anzugehen. So konnten z.B. im Laufe der Zeit über 200 junge Frauen nachträglich den Hauptschul- und Realschulabschluss erwerben, wovon ca. 10 Prozent inzwischen sogar das Abitur gemacht haben und studieren. Heute arbeiten über 50 zum Teil hoch qualifizierte muslimische Migrantinnen im BFmF e.V. Mit viel persönlichem und ehrenamtlichen Einsatz haben wir aus dem kleinen Frauenselbsthilfeverein eine bundesweit einmalige Modellinstitution entwickelt, die Migrantinnen umfassend und zielgruppengerecht unterstützt, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft beruflich und sozial zu finden. 15 Prozent aller Zertifikate Deutsch in Köln wurden z.B. in unserer Einrichtung erworben und dies speziell von Müttern und Frauen.

Darüber hinaus spielt die Familienbildung im BFmF--Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. eine große Rolle. Inzwischen wurden 26 Pädagoginnen mit Migrationshintergrund ausgebildet, um Kurse nach dem Konzept des deutschen Kinderschutzbundes zur gewaltfreien Erziehung "Starke Eltern- starke Kinder" durchzuführen. Jährlich führt unser Familienbildungswerk auch in Migrantenvereinen und Moscheegemeinden ca. 20 dieser Elternkurse durch.

Eine Brücke bilden auch unsere verschiedenen Beratungsangebote, die zunehmend auch von Regeldiensten, Beratungsstellen, Behörden und der Polizei zur Unterstützung in problematischen Fällen hinzugezogen werden. Das BFmF e.V. ist mittlerweile ein wichtiger Kooperationspartner verschiedener Familienzentren in Köln.

Als muslimische Frauen aus 25 verschiedenen Herkunftsländern bringen wir uns mit unserem fachlichen und kulturellen Know how aktiv in die Gesellschaft ein. Wir arbeiten in vielen Arbeitskreisen kommunal, landes- und bundesweit mit. Ich war z.B. Mitglied einer Arbeitsgruppe im Rahmen des Integrationsgipfels, einer weiteren im Rahmen des bundesweiten Integrationsprogramms und wir haben in vier Arbeitsgruppen die Entwicklung des Kölner Integrationskonzepts unterstützt.

Der Aufbau des Begegnungs- und Fortbildungszentrums, einer auf der Grundlage der Interkulturellen Pädagogik entwickelten modellhaften Institution, ist mein Beitrag für unsere Gesellschaft.

Sie haben ein Projekt zum "Fragenstellen" ins Leben gerufen. Gerade mit dem Thema Kopftuch sind häufig offene Fragen aber auch Klischees verbunden. Inwieweit gehen Sie speziell auf diesen Teilbereich muslimischen Lebens ein?

Erika Theißen: Das Thema "Kopftuch" wird bei fast allen Veranstaltungen angesprochen, da dieses Kleidungsstück in der deutschen Gesellschaft problematisiert wird. Viele internationale Besuchergruppen, die über das Goethe Institut oder die Bundesregierung zu Gesprächen in unsere Einrichtung kommen, können den Umgang mit dem Kopftuch in Deutschland nicht verstehen. In England tragen einige Polizistinnen unter ihrer Polizeimütze ein Kopftuch, in Amerika ist es undenkbar, aufgrund einer Äußerlichkeit - des Kopftuchs - keine Arbeitsstelle zu bekommen.

Es ist uns aber wichtig, dass vor allem unsere deutschen Besuchergruppen alle Fragen stellen können. In unserer Institution arbeiten viele Akademikerinnen mit muslimischem Migrationshintergrund, die selbst ein Kopftuch tragen. Im Dialog mit diesen selbstbewussten Frauen, die zum Teil alleinerziehend und selbstbestimmt ihr Leben als deutsche Staatsbürgerinnen führen, wird vielen Besuchern und Besucherinnen klar, dass ihr klischeehaftes Bild der muslimischen Frau nicht stimmt. Allein durch die Besichtigung unseres großen sozialen Zentrums, das komplett von (muslimischen) Frauen aufgebaut und geführt wird, wird den meisten schon klar, dass wir muslimische Frauen trotz Kopftuch einen großen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Kritiker des Kopftuchs verweisen darauf, dass es Rückschritt und die Unterdrückung der Frau symbolisiert. Dagegen halten viele muslimische Frauen, sie würden sich selbstbestimmt und aus freien Stücken für diese Form der Bekleidung entscheiden. Sie sind Muslimin und tragen selbst ein Kopftuch. Wer oder was hat sie dazu bewegt?

Erika Theißen: Ich gehöre dem sunnitischen Islam an, hanafitischer Rechtsschule und diese verlangt die Bedeckung des Kopfes. Das Kopftuch ist Teil der Bekleidungsvorschrift in meiner Religion, weder Symbol, noch Ausdruck von Unterwürfigkeit oder Minderwertigkeit. Als bekennende Muslimin bete ich die fünf Gebete täglich, ich war bereits zur Hadsch (Pilgerfahrt), ich zahle die Armensteuer und faste im Ramadan. Zu meiner religiösen Überzeugung gehört auch, dass ich mich aktiv für meine Mitmenschen einsetze und gegen soziale Ungerechtigkeit angehe.

Das ist meine Religion. In einem Land, in dem per Grundgesetz die religiöse Freiheit jedes Menschen festgelegt ist, sollte es ausreichen, wenn man sagt, das ist meine Glaubenslehre und daran halte ich mich und es steht niemandem zu, mir dieses Recht abzuerkennen.

Andererseits darf man natürlich alles kritisieren, dies gehört zu unserer Demokratie, die mich geprägt hat und deren engagierte Verfechterin ich bin. Außerdem weist der Islam, ebenso wie das Christentum, ein breites Spektrum an verschiedenen Richtungen auf. So gibt es selbstverständlich auch islamische Strömungen, die die oben aufgeführten religiösen Gebote nicht fordern.

Problematisch in Deutschland finde ich die Vorgehensweise, dass man bekennende Islamkritiker und Ex-Muslime zu Sprechern und Experten des Islam ernennt und deren Ablehnung der religiösen Gebote dann als fortschrittlichen Islam deklariert. Vergleichbar wäre es, die Ablehnung des Zölibats eines evangelischen Pfarrers auch für katholische Priester verbindlich zu machen oder auf der Grundlage der Aussage eines orthodoxen Christen das Weihnachtsfest verbindlich auf den 6. Januar festzulegen.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von aktiver Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Kopftuch?

Erika Theißen: Als Pädagogin finde ich es sehr bedenklich, dass in unserer Gesellschaft viele muslimische Mädchen sich zwischen beruflichem Werdegang oder religiösem Leben entscheiden müssen, da eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle mit Kopftuch kaum möglich ist. Ich selbst war schon mehrfach als Referentin oder Moderatorin eingeladen und wurde aufgrund des Kopftuchs wieder ausgeladen. Eine kopftuchtragende Frau in verantwortlicher Stellung oder als Fachfrau ist in Deutschland nicht vorstellbar. Diese Erfahrung machen neben den Lehrerinnen, Pädagoginnen und Sozialarbeiterinnen auch Ärztinnen, Juristinnen, Finanzfachkräfte usw.. Bei Hilfsarbeiterinnen und Putzkräften hingegen stört das Kopftuch selbst in der Schule nicht.

Meint es eine Gesellschaft ernst damit, muslimische Frauen in ihrem emanzipatorischen und integrativen Weg zu unterstützen und unterstellt man den Familien, ihre Töchter durch das Kopftuch unterdrücken und von Selbstständigkeit ausschließen zu wollen, so sollte gerade ihnen die Möglichkeit der Berufstätigkeit und damit Emanzipation aus hierarchischen Strukturen ermöglicht werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Erika Theißen: Ich wünsche mir, dass unser Grundgesetz, das explizit Diskriminierung aufgrund religiöser Zugehörigkeit verbietet, konsequent auch auf Menschen muslimischen Glaubens angewendet wird. Zur Auslegung religiöser Gebote sollten bei den Christen christliche Theologen, bei den Juden jüdische und bei den Muslimen muslimische Theologen befragt werden und keine selbsternannten Stellvertreter.

Meine Religion gibt mir Halt und Orientierung in meinem Leben. Ich wünsche mir meine Religion in meiner Heimat Deutschland ohne Ausgrenzung leben zu können.


Das Interview führte Leila Donner-Üretmek. 27.04.2009

Zur Person:

Erika Theißen ist in Köln geboren, studierte Lehramt und konvertierte 1987 zum Islam. Sie absolvierte ein Studium zur interkulturellen Pädagogin und arbeitete in verschiedenen muslimischen Migrantenvereinen. 1996 initiierte sie das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. in Köln und arbeitet seither als Leiterin und Geschäftsführerin. Zurzeit promoviert sie im Bereich Interkulturelle Pädagogik.

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