DIK - Deutsche Islam Konferenz - Projektvorstellung - Flucht und Islam

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Mit Frauenpower für Geflüchtete

Ein passgenaues Projekt des Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen

Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. (BFmF), so nennt sich der Zusammenschluss von qualifizierten muslimischen Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern. Seit über 20 Jahren helfen sie durch Bildung, Beratung, Begegnung und Betreuung anderen Frauen, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden und ihr Leben selbstbestimmt in Deutschland zu gestalten.

Im Januar 2016 ist das ohnehin breite Angebotsspektrum um ein Modellprojekt zur Unterstützung von Geflüchteten erweitert worden. Das Projekt „Flüchtlingsarbeit von MuslimInnen - passgenau, emphatisch, integrativ“ umfasst den Aufbau und Betrieb einer Koordinierungsstelle für die Beratung von arabischsprachigen Geflüchteten. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium des Innern, das im Jahr 2016 Modellprojekte zum Thema Flüchtlinge und Islam in Deutschland fördert (hier der Link zur Ausschreibung).

Von professioneller Wohlfahrtspflege zur Arbeit mit Geflüchteten

Seit der Gründung 1996 hat sich das BFmF stetig weiterentwickelt und professionalisiert. Heute ist es ein etabliertes interkulturelles Zentrum der Stadt Köln und anerkannter Träger der Freien Wohlfahrtspflege. Von Sprach- oder EDV-Kursen über Arbeitslosen- und Schuldnerberatung bis hin zu regelmäßigen offenen Cafés – das Angebot könnte vielfältiger nicht sein. Der bisherige Fokus des BFmF lag in erster Linie auf Frauen mit Migrationshintergrund und deren Familien. Über eine benachbarte Flüchtlingsunterkunft suchten in der Vergangenheit immer mehr arabischsprachige Geflüchtete das Begegnungszentrum auf. Insbesondere weil sie hier umfassende Beratung in ihrer Muttersprache erhielten. Daraus entstand die Idee, dieses spontan erbrachte Angebot zu professionalisieren und das bereits bestehende multilinguale Netzwerk auch für die Arbeit mit Geflüchteten zu nutzen.

Beratung von arabischsprachigen Flüchtlingen

Das Projekt „Flüchtlingsarbeit von MuslimInnen - passgenau, emphatisch, integrativ“ bietet professionelle Beratung für geflüchtete Menschen. Zahlreiche Themen wie Finanzen (SGB II, SGB XII), rechtliche Asylberatung, ebenso wie die Vermittlung von Sprachkursen oder die Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen, bei der Suche und Auswahl geeigneter Bildungs- und Arbeitsangebote sowie bei der Wohnungssuche werden durch die Koordinierungsstelle bearbeitet. Außerdem werden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder vermittelt, während ihre Eltern die unterschiedlichen Angebote wahrnehmen. Erfahrung hat das BFmF auf diesem Gebiet reichlich. Bereits vor dem Projekt wurden in den großzügigen Räumlichkeiten Deutsch- und Integrationskurse, Seminare zu unterschiedlichen Themen sowie offene Cafés zum Austausch angeboten. Die Expertise, die das BFmF in diesem Modellprojekt ausbaut, gibt das Zentrum auch an anderen (muslimische) Organisationen weiter, die ähnliche Angebote entwickeln möchten.

Wesensmerkmal des BFmF bleibt, dass es bisher komplett in Frauenhänden lag. Bei dem neuen Projekt sind nun erstmalig auch zwei männliche Kollegen angestellt, die aufgrund ihrer Qualifikationen das bestehende Team sinnvoll ergänzen. Mit der Arabistin Vykinta Ajami bleibt die Teamleitung jedoch weiblich. Männliche Nutzer fühlen sich dennoch angesprochen: Sowohl im Rahmen des Projektes als auch über die regulären Angebote des Bildungszentrums, betreut das BFmF auch circa 500 Männer.

Bewährt hat sich auch die Multikulturalität des Teams. Die unterschiedlichen Backgrounds und Sprachkenntnisse der Teammitglieder ergänzen sich lückenlos und ermöglichen eine umfassende Beratung der Geflüchteten in der jeweiligen Muttersprache: Als „Gelebtes Multikulti“ bezeichnet die Mitgründerin des BFmF, Erika Theißen, diesen Vorteil. Es hilft dabei, eine Brücke für die neu angekommenen Menschen in die deutsche Gesellschaft zu bauen.

„Bei uns geht es zuallererst um den Menschen“

Das weibliche und muslimische Profil des Begegnungszentrums zeigt sich als offen für alle Nutzerinnen und Nutzer, wie Frau Theißen erläutert: „Bei uns geht es zuallererst immer um den Menschen! Religion, Hautfarbe oder Herkunft spielen für uns keine Rolle. Zu uns kommen auch viele Nichtmuslime, vor allem Yeziden und es ist noch nie zu Konflikten gekommen. Wir bieten Raum für Religion, wenn es gewünscht ist, wie zum Beispiel Gebetsmöglichkeiten. Aber es herrscht kein Zwang. Das merken die Menschen und suchen uns gerne auf – ob Muslime oder Nichtmuslime.“

Ein weiterer Vorteil für die Projektarbeit ist die eigene Migrationsgeschichte einiger Mitarbeiterinnen: Die eigenen Erfahrungen mit Fremdsein können eingebracht werden und strahlen Authentizität und Empathie gegenüber den Geflüchteten aus. „Ich weiß genau, mit welchem Gefühl sie zu mir kommen“, erklärt Ali Kılıçarslan, der im Projekt die Hilfe und Beratung bei jeglichen Formularen übernimmt.

Nachhaltigkeit und Teilhabe sichern

Nachhaltigkeit spielt für die Koordinierungsstelle eine große Rolle: Auch nach den Deutschkursen werden die Geflüchteten umfassend weiter betreut. Gemeinsam wird zum Beispiel nach einer Ausbildungsmöglichkeit gesucht. Integrativ und mit Perspektive wird hier die Teilhabe in der deutschen Gesellschaft unterstützt. Die hohe Frauenquote in der Koordinierungsstelle ist dabei kein Problem. „Auch in Syrien arbeiten viele Frauen und für mich ist es normal“, berichtet ein syrischer Flüchtling. „Für mich ist das Zentrum ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft. Das ist gut für uns, so können wir die Gesellschaft besser kennenlernen und verstehen. Am Ende ist es mir egal ob Mann oder Frau – Hauptsache der- oder diejenige handelt menschlich und ist hilfsbereit!“.

„Proaktiv statt reaktiv“ – das ist der Grundsatz des Projektes. Das BFmF bietet frühzeitig Hilfe an und beugt so Frustration unter den Geflüchteten vor. Lücken und lange Wartezeiten werden weitestgehend vermieden: Kurze Nachfragen können ohne mehrwöchiges Warten geklärt werden. Feste Arbeitsabläufe und klare Strukturen bestimmen den Arbeitsalltag – alle Mitarbeiterinnen bleiben jedoch flexibel. Das kommt auch bei den Geflüchteten an. „Hier finde ich immer ein offenes Ohr und kleine Fragen kann ich auch kurzfristig klären“, erzählt ein syrischer Geflüchteter im Gespräch. „Das Wichtigste für mich ist aber: Egal wie stressig es manchmal ist, meine Fragen werden immer persönlich beantwortet!“.

Geflüchtete bringen sich selbst ein

Hilfe zur Selbsthilfe gehört ebenso zu diesem Grundsatz. Die vielen Geflüchteten, die schon nach kurzer Zeit selbst aktiv werden und andere Neuankömmlinge beim Einfinden in die deutsche Gesellschaft unterstützen, sprechen für sich und beweisen den Erfolg. Die Bezugspersonen aus dem Projekt fungieren als Vorbild. Einige jugendliche Geflüchtete, die erst seit etwa sieben Monaten Deutsch lernen, begleiten ehrenamtlich andere Geflüchtete zu Ämtern und helfen ihnen bei der Übersetzung. Ein kurdischer Jurist, der aus dem Irak floh, unterstützt die juristische Übersetzung auf Arabisch, türkisch und kurdisch. „Hier herrscht ein herzliches Klima und ich fühle mich immer willkommen“, antwortet er auf die Frage, wieso er sich beim BFmF engagiert. „Das BFmF ist eine zweite Heimat für mich geworden!“.

Vorbild durch langjährige Erfahrung

Durch die langjährige Arbeit verfügt das BFmF über ein großes Netzwerk, auf das auch in der Arbeit der Koordinierungsstelle zugegriffen wird. Von Jobcenter, Industrie- und Handelskammer oder Jugendmigrationsdienst, über Wohnungsamt oder Polizei bis hin zu einem Netzwerk von RechtsanwältInnen und ÄrtztInnen – kann ein Anliegen nicht vor Ort geklärt werden, greift man auf die vielfältigen Kontakte zurück. Weitervermittlung spielt eine große Rolle für die Koordinierungsstelle. Falls nicht direkt geholfen werden kann, steht ein nahtloser Übergang zu Angeboten anderer Einrichtungen im Fokus.

Noch bis Ende Dezember 2016 ist die Förderung der Koordinierungsstelle für arabischsprachige Flüchtlinge bewilligt. Der Bedarf an dieser individuellen Unterstützung für Geflüchtete steigt stetig. „Durch das finanzierte Projekt können wir in einem ganz anderen Umfang helfen und sowohl quantitativ als auch qualitativ zur Integration der Geflüchteten beitragen“, betont Vykinta Ajami, die Leiterin der Koordinierungsstelle und hofft auf eine Verlängerung. Fest steht: Die Arbeit des BFmF hat Vorbildfunktion und zeigt wie Musliminnen und Muslime erfolgreich Unterstützung für Geflüchtete anbieten - Gemeinsam für die gesamte Gesellschaft.

DIK-Redaktion, 20.07.2016

Zusatzinformationen

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