DIK - Deutsche Islam Konferenz - Reden + Interviews - Innenminister Dr. Friedrich eröffnet Tagung der Eugen-Biser-Stiftung

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Innenminister Dr. Friedrich eröffnet Tagung der Eugen-Biser-Stiftung

Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich hielt anlässlich der Tagung "Migration - Kommunikation - Integration" der Eugen-Biser-Stiftung am 20.06.2011 folgende Rede.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,

die zunehmende kulturelle und religiöse Pluralität in unserem Land verändert nachhaltig das Gefüge unserer Gesellschaft. Diese Vielfalt fordert die Gesellschaft heraus. Vielfalt verlangt von uns, mit den Unterschieden, Brüchen und Konflikten umzugehen. Je vielfältiger die Menschen, ihre Weltbilder und Wurzeln sind, desto wichtiger ist es, den Zusammenhalt zu stärken und das Verbindende zu suchen. Der Einzelne wie auch die Gesellschaft brauchen Zusammenhalt. Zusammenhalt vermittelt Zugehörigkeit, Orientierung, Geborgenheit, Selbstbewusstsein und Verantwortung. Deshalb geht gesellschaftlicher Zusammenhalt uns alle an. 

Er wird auch von den wechselseitigen Beziehungen zwischen Zuwanderern und Aufnahmegesellschaft mitbestimmt, deren Lebensgewohnheiten, Bräuche und Wertvorstellungen sich oftmals voneinander unterscheiden. Voraussetzung für ein gutes und respektvolles Miteinander zwischen den Menschen, die in unserem Land schon seit langem verwurzelt sind und den Menschen, die neu in unser Land gekommen sind, ist ein Fundament an gemeinsamen Werten. Hierbei geht es neben der Anerkennung unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung, um  das, was das Grundgesetz mit der Würde des Menschen umfasst. 

Für mich als Christ ist die Würde des Menschen - und daraus abgeleitet ihre Unantastbarkeit - Ausfluss aus dem christlichen Menschenbild. Dieses sieht den Menschen - unabhängig von seiner Religion - als Geschöpf Gottes, erschaffen nach Gottes Ebenbild. Das schließt die Erkenntnis ein, dass alle Menschen prinzipiell Gleiche unter Gleichen sind, weil sie vor Gott gleich sind. Jeder ist einzigartig und unersetzbar. Denn jeder ist Kind und Ebenbild Gottes. "Menschenwürde" ist - wie ich meine - eine gute Basis für das Zusammenleben in religiöser Vielfalt. Denn Menschenwürde und Menschenrechte lassen sich vielfach auch aus anderen kulturellen Zusammenhängen und religiösen Ursprüngen ableiten. Gemeinsame Werte zu haben, bedeutet eben nicht zwingend, dass sich die Begründung dieser Werte auch aus denselben Quellen speisen muss. 

Aufgabe des gesellschaftlichen Dialoges zur Stärkung des Zusammenhaltes ist also eine Verständigung auf einen gemeinsamen Wertekanon. Deshalb sollte dieser Dialog - sei es weltanschaulicher oder religiöser Gruppen - darauf ausgerichtet sein, vor allem Gemeinsamkeiten zu erkennen und Anknüpfungspunkte zu finden. Ziel muss es sein, dass alle Menschen, die in Deutschland leben und in Deutschland ihre Zukunft sehen, sich so mit diesem Land identifizieren, dass sie auch eine emotionale Bindung dazu aufbauen und dieses Land als ihre Heimat sehen. Und um es klar zu sagen: die Menschen, die in unserem Land leben und vorhaben, mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkel hier zu bleiben, sind nicht politische Interessensvertreter ihrer Herkunftsländer. Sondern sie sollen ein Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Land entwickeln. Sie sollen sich einbringen und dieses Land, diese Gesellschaft gemeinsam mit der Mehrheitsgesellschaft für sich und ihre Nachfahren mitgestalten. 

Eine pluralistische Gemeinschaft kann nur dann zusammenhalten, wenn alle Menschen, egal welcher Religion und welcher Weltanschauung, bereit sind, den Staat und seine freiheitliche demokratische Grundordnung mitzutragen. Dies kann und soll auch aus religiöser Überzeugung oder Weltanschauung heraus geschehen. 

Deshalb, bin ich sehr gerne zur heutigen Tagung der Eugen-Biser-Stiftung gekommen. Die Eugen-Biser-Stiftung weiß um der großen Bedeutung des interkulturellen und interreligiösen Dialoges über gemeinsame Werte und deren Grundlegung. Bereits auf dem ersten deutsch-türkischen Symposium der Eugen-Biser-Stiftung im Jahr 2005 erörterten islamische und christliche Theologen die Verankerung der Menschenwürde und deren Unantastbarkeit in Christentum und Islam. 

Nicht zuletzt die Erfahrungen aus den Symposien der Eugen-Biser-Stiftung machten deutlich, dass die gemeinsame Verständigung über Begrifflichkeiten eine ganz entscheidende Voraussetzung für den erfolgreichen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen ist. Beeindruckend finde ich daher das Projekt der Eugen-Biser-Stiftung, ein wissenschaftlich fundiertes und im Dialog erarbeitetes christlich-islamisches Begriffslexikon herauszugeben. Denn nur wenn man sich über die Begriffe einig ist, kann man diesen Dialog fruchtbar und erfolgreich führen. Das Begriffslexikon wird den interkulturellen und interreligiösen Dialog sicher einen großen Schritt voranbringen –  ganz im Sinne des Untertitels der heutigen Konferenz in Berlin: "Migration – Kommunikation – Integration". Ich danke Ihnen, der Eugen-Biser-Stiftung, für Ihren wichtigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Beitrag und für Ihren "Dialog aus christlichem Ursprung" wie der vollständige Name der Stiftung lautet.

Welche Rolle spielt der Staat beim interreligiösen Dialog? 

Der religiös und weltanschaulich neutrale Staat hat angesichts der kulturellen und religiös vielfältigeren Gesellschaft ein Interesse daran, die Zusammenhalt stiftenden, positiven Aspekte von Religionen und Weltanschauungen fruchtbar zu machen. Es gilt, die Gemeinsamkeiten zu stärken und die Unterschiede zu bewältigen. Der Staat muss hierfür Rahmenbedingungen schaffen. 

Unser Land ist heute religiös vielfältiger geworden. Der Islam ist hierfür ein Beispiel - in einer Größenordnung, die überall im Lande feststellbar ist. Die Hälfte der in Deutschland lebenden rund vier Millionen Muslime sind bereits deutsche Staatsbürger. Rund 2.600 islamische Gemeinden zeigen, dass die Glaubens- und Religionsfreiheit - individuell wie kollektiv - in Deutschland gewährleistet ist und gelebt wird. Muslime leben heute ganz selbstverständlich in unserem Land und können ihren Glauben frei praktizieren. 

Die Bundesregierung hat im Jahr 2006 mit der Einberufung der Deutschen Islamkonferenz ein eigenes Kommunikationsforum geschaffen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf der Basis gemeinsamer Werte zu fördern, die institutionelle Integration des Islams zu verbessern und gesellschaftliche Polarisierung und Abschottungsphänomene zu verhindern. Die Islamkonferenz ist in diesem Sinne weder ein singuläres Ereignis noch die Summe in sich geschlossener Einzelveranstaltungen, sondern versteht sich als ein länger anhaltender Prozess. 

Die Konferenz ist - das können wir nach mittlerweile viereinhalb Jahren Islamkonferenz sagen - auf einem guten Weg. Grundlage dieses Erfolges ist das 2008 von den muslimischen Teilnehmern geleistete umfassende Bekenntnis zur deutschen Rechts- und  Werteordnung des Grundgesetzes. 

Darauf aufbauend hat die Konferenz über ihre breit akzeptierten Vorschläge für Übergangslösungen entscheidend dazu beigetragen, dass nun in vielen Bundesländern ein bekenntnisorientierter Islamunterricht eingeführt wird. Natürlich ist das die Aufgabe der Länder. Aber ich denke, es war richtig, dass die Islamkonferenz einen Impuls dazu gegeben hat. Bereits jetzt nehmen rund 25.000 muslimische Schüler an bekenntnisorientierten Unterrichtsangeboten teil. Diese Zahl wird sich in Zukunft deutlich erhöhen. 

Zudem werden in Deutschland auf der Grundlage der Empfehlungen des Wissenschaftsrates, der an grundsätzliche Empfehlungen der Deutschen Islam Konferenz anknüpfte, vier theologische Zentren für islamische Studien eingerichtet, und zwar an den Universitäten Frankfurt und Gießen, Erlangen-Nürnberg, Münster und Osnabrück sowie Tübingen. Die Bundesregierung, konkret das Bundesministerium für Bildung und Forschung, wird diese Standorte über fünf Jahre mit insgesamt 18 Millionen Euro fördern. Auch daran mögen Sie erkennen, wie wichtig uns das Thema ist. 

Hinzu kommt die sprachliche und gesellschaftskundliche Fortbildung von Imamen und Vorständen islamischer Gemeinden auf kommunaler Ebene. Hierzu hat die Islamkonferenz auf ihrer letzten Plenarsitzung einen Leitfaden angenommen, auf dessen Grundlage nun Fortbildungsmaßnahmen in die Praxis umgesetzt werden. 

All diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass der Islam entsprechend dem Motto der Islamkonferenz "Muslime in Deutschland - deutsche Muslime" seinen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft findet, in einem Umfeld, das von Offenheit und Dialog gekennzeichnet ist. Ziel ist es, die religiöse Bindung der Menschen an ihre Religion nicht in Abschottung münden zu lassen, sondern für unsere Gesellschaft fruchtbar zu machen. 

Dazu gehört aber auch - und das möchte ich hier nicht unerwähnt lassen - offen und ohne Scheuklappen sensible Themen anzusprechen. Es genügt nicht, sich auf Formelkompromisse zu einigen oder sich im Elfenbeinturm einzuschließen und die Realität vor Ort auszublenden. Man muss auch das, was in der Bevölkerung passiert, was an Konflikten im Alltag der Menschen stattfindet, in die Betrachtung einbeziehen. Hier gilt, den in der Islamkonferenz erzielten Wertekonsenses mit Leben zu füllen, sowie gesellschaftlicher Polarisierung und Extremismus aktiv und praxisnah entgegenzuwirken. In diesem Sinne sind Geschlechtergerechtigkeit, häusliche Gewalt, islamistischer Extremismus, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit ebenfalls Themen, die in der Islamkonferenz oder aber auch im Rahmen anderer Gremien erörtert werden. 

Dass wir diese Debatte in der gebotenen Offenheit und gelegentlich auch kritisch führen können, ist ein Zeichen dafür, dass die Beziehungen mittlerweile stabil und intensiv sind. Zum Prozess der Integration, der immer auch vom gesellschaftlichen Wandel geprägt ist, gehört eben auch der Konflikt, das "Sich-Aneinander-Reiben". Denn schlimmer als das Offenlegen von Unterschieden und Konflikten ist die schleichende Sprachlosigkeit, da diese zu Entfremdung und Ausgrenzung führt. 

Der Prozess der Integration wird aber auch durch internationale Rahmenbedingungen beeinflusst. Hier bin ich der Überzeugung - um nur einen Punkt anzusprechen -, dass eine sichtbare Verbesserung der Situation der Christen in muslimisch geprägten Ländern die gesellschaftliche Akzeptanz für muslimisches Leben in Deutschland positiv beeinflussen würde. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

immer wieder die Kraft zur Gemeinsamkeit aufzubringen, ist eine Herausforderung, die uns als Einzelne wie als Gesellschaft betrifft. Hier kommt insbesondere auch dem interreligiösen und interkulturellen Dialog eine wichtige Rolle zu. In diesem Dialog sehe ich auch die heutige Tagung der Eugen-Biser-Stiftung, die sich diesen Fragen widmet. Ich wünsche Ihnen für diesen sicher nicht immer einfachen Dialog viel Erfolg.

Zusatzinformationen

Das Plenum 2011 tagte in noblem Ambiente.

Ziele der Deutschen Islam Konferenz 2010

Die Deutsche Islam Konferenz ist ein Dialogforum zwischen Vertretern des deutschen Staates und Muslimen in Deutschland. Ziel des langfristig angelegten Dialogs ist, das Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

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Frau und Mann im Gespräch

Ergebnisse des Vorbereitungsausschusses

Der Vorbereitungsausschuss der Deutschen Islam Konferenz war das zweithöchste Gremium. Mindestens zweimal jährlich trafen sich Arbeits- und Leitungsebene, um sich über den aktuellen Stand der verschiedenen Arbeits- und Projektgruppen zu informieren.

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Deutsche Islam Konferenz

Struktur der Deutschen Islam Konferenz 2009-2013

Wie werden die Themen des Arbeitsprogramms bearbeitet? Was ist das Plenum? Was macht der Vorbereitungsausschuss? Lesen Sie hier über den Aufbau der Deutschen Islam Konferenz in den Jahren 2009-2013.

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