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Kommentar zum Sachstand der DIK im Schwerpunkt Altenhilfe und -pflege

Es gilt das gesprochene Wort

Kommentar von Herrn Samy Charchira zum Sachstand der Deutschen Islam Konferenz (DIK) im Schwerpunkt Altenhilfe und -pflege

In der Tat vollzieht sich in unserer Gesellschaft unter den Migrantinnen und Migranten und besonders unter den Muslimen ein Paradigmenwechsel hinsichtlich des heutigen Schwerpunkts der Fachtagung Altenhilfe und Altenpflege. Insbesondere die erste und zweite Generation der Migranten und der Muslime haben sich entschieden ihren Lebensabend in dem Land zu verbringen, zu dessen Aufbau sie maßgeblich beigetragen haben und in dem sie seit Jahrzehnten leben, sprich in ihrer neuen deutschen Heimat.

In diesem Zusammenhang haben Sie, Herr Dr. Schmidt, die wichtigsten Zahlen ja bereits genannt, die noch einmal die beachtlichen Anforderungen und Handlungsbedarfe aufzeigen. Tatsächlich müssen wir Muslime verstärkt im Fokus der Wohlfahrtspflege stehen, wenn wir dieser veränderten gesellschaftlichen Situation gerecht werden wollen. Wir müssen noch mehr über muslimische Altersbilder erfahren, wir brauchen eine genauere Bedarfserhebung der pflegerischen Versorgung von muslimischen Seniorinnen und Senioren, wir benötigen angemessene Wohnsituationen und eine angepasste gesundheitliche Versorgung.

Insofern haben Sie vollkommen Recht, wenn Sie fragen, wie Angebote der kultur- und religionssensiblen Altenpflege für Muslime weiter verbessert werden können.

Auf diese veränderte gesellschaftliche Situation muss sich unser Versorgungssystem einstellen und gemeinsam mit den muslimischen Trägern, Institutionen und Verbänden adäquate Konzepte einer kultur- und religionssensiblen Altenpflege und Altenhilfe entwickeln, erproben und etablieren. Darüber herrscht meines Erachtens ein Konsens, der sich in den Tatsachen widerspiegelt, dass einerseits die Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege schon früh einen Prozess der interkulturellen Öffnung angestoßen haben und andererseits die islamischen Dachverbände dabei sind, adäquate Strukturen zu schaffen und Kooperationsmodelle zu entwickeln. Dabei dienen die hier genannten Akteure nicht nur dem konstruktiven Austausch und dem Kooperationswillen, sondern auch dem Wunsch neue und innovative Konzepte der Altenpflege und –hilfe zu entwickeln, die unseren gesellschaftlichen Realitäten gerecht werden und erheblich dazu beitragen können, unser einzigartiges Wohlfahrtssystem weiterzudenken und weiterzuentwickeln.

Und auch wenn die interkulturelle Öffnung mancherorts ins Stocken geraten ist, halte ich den großen Bereich der Altenpflege und –hilfe für den Bereich, in dem diese interkulturelle Öffnung sehr erfolgreich sein kann. Wir haben in vielen Beiträgen im Rahmen der Arbeitsausschüsse erfahren dürfen, wie viele Potenziale in diesem Bereich liegen und wie viele Synergien genutzt werden können. Hier können muslimische Organisationen von der geballten Expertise der Spitzenverbände der Wohlfahrt viel lernen und dabei helfen, die vorhandenen Angebote für Muslime weiterzuentwickeln. Dieser Gedanke ist mir persönlich sehr sympathisch, weil es nicht nur die adäquate Versorgung von muslimischen Seniorinnen und Senioren und ihre gesellschaftliche Teilhabe garantiert, sondern uns als Gesellschaft insgesamt ein großes Stück näher bringt und aus meiner Sicht einen Ausdruck gelebter gesellschaftlicher Solidarität darstellt.

Dabei müssen wir eine zentrale Erkenntnis der vergangenen Jahre im Auge behalten, nämlich die Abkoppelung des Islam von dem Begriff der Migration und den dazugehörigen Migrationsdiskursen. Natürlich stehen Islam und Migration in einem wechselseitigen Wirkungsprozess zueinander. Doch wir müssen den Islam als zweitgrößte Religion unseres Landes aus dem Kontext der Migration herauslösen und ihn als eigenständigen Bereich der Wohlfahrtspflege begreifen. Das ist in der Vergangenheit leider nur unzureichend geschehen. Ich halte diesen Aspekt jedoch für entscheidend, gerade im Hinblick darauf, die sozio-kulturellen Grenzen zwischen den Muslimen und ihrem Umfeld aufzulösen. 

Abschließend möchte ich betonen, dass einige Herausforderungen vor uns liegen: Wir brauchen verbesserte Kooperationsstrukturen, einen Ausbau der Altenpflege und –hilfe mit zielgruppengerechten Angeboten von und mit muslimischen Akteuren und Organisationen. Wir brauchen mehr Fortbildungsangebote bei muslimischen Trägern sozialer Dienstleistungen und einiges mehr. 

In diesem Kontext gibt es bereits schon viele positive Signale. So werden z. B. in einigen islamischen Zentren an deutschen Universitäten aktuell doppelte Bachelorlehrgänge islamischer Theologie/sozialer Arbeit konzipiert (und hoffentlich bald eingeführt), was sicherlich als ein wichtiger Beitrag zu unserer Debatte zu werten ist.

In diesem Sinne bin ich davon überzeugt, dass uns gemeinsam die Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderung gelingen wird. Dabei wünsche ich uns allen viel Erfolg und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Samy Charchira

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