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Wohlfahrt aus muslimischer Sicht

Es gilt das gesprochene Wort

Grußwort DIK

Sehr geehrter Herr Minister de Maizière,

Sehr geehrte Frau Ministerin Schwesig,

Sehr geehrte Frau Ministerin Özoğuz,

Sehr geehrte Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaften,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Deutsche Islam Konferenz (DIK) befindet sich nunmehr in ihrer dritten Phase. Sie hatte bis dato verschiedene Themenfelder auf der Agenda und hat wichtige Signale in die Gesellschaft hineingesendet. Ich möchte hier allen danken, die bisher in der DIK mitgewirkt und ihren positiven Beitrag dazu geleistet haben.

Lassen Sie uns noch einmal die Zielsetzung der DIK vergegenwärtigen. Im Zwischenresümee der vierten Plenarsitzung heißt es:

„Die Deutsche Islam Konferenz ist ein Prozess, ein gemeinsamer Weg zu einem besseren Miteinander.

Wenn die Menschen in Deutschland einmal beim Stichwort Islam vor allem an den positiven Beitrag der Muslime zu unserem Gemeinwesen denken,

wenn die religiöse Vielfalt in Deutschland nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung der Gesellschaft empfunden wird,

wenn die Muslime in Deutschland heimisch geworden sind – und das heißt auch, sich akzeptiert zu fühlen –,

wenn islamische Organisationen die Voraussetzungen erfüllen, um als Religionsgemeinschaften mit dem deutschen Staat zu kooperieren, dann wird die Islamkonferenz ihr Ziel erreicht haben.“[1]

Nach fast einem Jahrzehnt müssen wir nüchtern feststellen, dass dieser Prozess ein langwieriger Prozess ist, dass wir auf der einen Seite Fortschritte machen, wie die Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaften in einigen Bundesländern, islamischen Religionsunterricht und die Einrichtung von islamischen Lehrstühlen, aber auf der anderen Seite gibt es auch Rückschritte, was die Wahrnehmung des positiven Beitrags der Muslime zu unserem Gemeinwesen in Deutschland anbelangt.

Immer noch existiert ein verzerrtes Bild des Islam und der Muslime in der breiten Öffentlichkeit, wie auch neuerdings die Studie des Religionsmonitors bestätigt hat.

Dies zeigt, dass die religiöse Vielfalt nicht einfach heraufbeschworen werden kann. Sie muss gewollt sein und als eine Bereicherung wahrgenommen und als solche gelebt werden. Daher ist es umso wichtiger, dass Muslime sich verstärkt öffentlich einbringen und dies auch gesellschaftlich gewürdigt wird.

Dem Beitrag der Muslime zu unserem Gemeinwesen kann meines Erachtens dann öffentlich eine Bedeutung zukommen, wenn Muslime und ihre Einrichtungen selbstverständlicher Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen werden. Wenn Moscheegemeinden zu gleichberechtigten Akteuren und Ansprechpartnern in der Kommune werden.

Die Beschäftigung mit dem Thema Wohlfahrt eröffnet uns neue Wege, durch die Muslime ihre Arbeit und ihren gesellschaftlichen Beitrag über die religiöse Versorgung hinaus noch deutlicher in den Vordergrund stellen können. 

Was bedeutet Wohlfahrt? Gibt es so etwas überhaupt im Islam?

Unter Wohlfahrt versteht man allgemein das Wohlergehen jeder einzelnen Bürgerin und jedes einzelnen Bürgers in einem Staat. Die Sorge und Fürsorge um und für den Mitmenschen beschäftigt, so glaube ich, alle Religionsgemeinschaften und andere gesellschaftliche Gruppierungen.

Denn letztendlich ist das Wohlergehen jedes einzelnen Menschen in einer Gesellschaft eine ungemein wichtige Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben in ihr. Das ist im Islam nicht anders.

So sagte der Prophet Muhammed (Friede sei mit Ihm): „Der Beste unter euch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist.“ Der Dienst am Menschen hat daher im Islam einen sehr hohen Stellenwert. Er ist sogar bedeutender, als sich nur freiwilligen rituellen Handlungen (ibadat) hinzugeben.

Bereits zu Beginn des Korans werden Muslime beschrieben als diejenigen, die an das Verborgene glauben, das rituelle Gebet aufrichtig verrichten und von dem, was Gott ihnen als Versorgung gegeben hat, anderen ausgeben.

Kurz gefasst Glaube, Gebet und Wohltat sind wichtige Charaktereigenschaften eines jeden Muslims. So bildet nach dem Glauben und Gebet die Zakat, die religiös-soziale Pflichtabgabe, die dritte Säule der islamischen Religion.

An zahlreichen Stellen des Qur’ans wird sie mit dem rituellen Gebet in einem Atemzug erwähnt, so dass davon auszugehen ist, dass sie beide fast auf gleicher Stufe liegen.

Für karitatives Handeln, die Wohltat, finden sich im Qur’an und in der Sunna, der Tradition des Propheten Muhammed (Friede sei mit Ihm) unterschiedliche Begriffe wie hasana[2], hair[3], birr. Sie alle umfassen gute Taten, wobei der karitative Aspekt der Wohltat immer wieder hervorgehoben wird.

So heißt es in der Sure 2:177: „Die Wohltat besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter gegen Osten oder Westen wendet. Wohltat besteht vielmehr darin, …dass ihr vom Besitz, obwohl man ihn liebt, der Verwandtschaft, den Waisen, den Armen, dem Sohn des Weges, den Bettlern und für den Freikauf von Gefangenen hergibt…“

Wohltat ist dann eine Wohltat, wenn an sie keine Erwartungen wie Dank oder andere Leistungen geknüpft sind. „Freundliche Worte und Vergebung sind besser als Spende, der Beleidigungen nachfolgen.“  heißt es in der Sure 2:263.[4]

Sogar ein Lächeln gegenüber einem anderen Menschen zeichnet die Religion des Islam als eine Wohltat aus.

Betrachtet man nun die Empfänger dieser religiös-sozialen Pflichtabgabe, Zakat, so stellt man in der Sure 9:60 fest, dass sowohl mittellose und bedürftige Menschen sowie Menschen in anderen Notsituationen dazu gehören.

Während diese Zakat für acht Empfängerkreise wie (1) Arme, (2) Bedürftige, (3) Zakat-Beamte, (4) Menschen, deren Herzen gewonnen werden sollen, (5) Freikauf von Sklaven und Gefangenen, (6) Schuldner, (7) auf dem Wege Allahs und (8) für Reisende in Not bestimmt und an weitere Bedingungen geknüpft ist, ist der Empfängerkreis der allgemeinen Spende (sadaqa) bzw. karitativer Unterstützung weitaus breiter gefasst.

Sure 4:37: „…Und zu den Eltern sollt ihr gütig sein und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem verwandten Nachbarn, dem fremden Nachbarn, dem Gefährten zur Seite, dem Sohn des Weges, und denen, die eure Rechte besitzt…“

Aus vielen Versen ist zu entnehmen, dass Verantwortung gegenüber dem Nächsten, sei dieser der Verwandte oder der Nachbar, sehr groß ist.

Als ein Prophetengefährte seinen Bediensteten mehrfach danach fragte, ob der jüdische Nachbar auch vom Fleisch abbekommen habe, erinnerte er jenen an den Hadith des Propheten Muhammad (Friede sei mit Ihm): „Der Erzengel Gabriel hat mir bezüglich des Nachbarn so viel empfohlen, dass ich beinahe glaubte, er wolle den Nachbar auch zum Erben machen.“

Dies macht uns deutlich, dass die Unterstützung über die eigene Religionsgemeinschaft hinausgeht. Ich erinnere daran, wie Muslime und ihre Moscheegemeinden bei vergangenen Flutkatastrophen in diesem Land oder zu anderen Anlässen mitgeholfen und gespendet haben.

Karitatives Handeln ist im Islam sehr tief verankert und Menschen in Not zu helfen ist islamisch gesehen eine religiöse Verpflichtung.

Deshalb ist es keineswegs verwunderlich, dass Moscheegemeinden neben ihrer eigentlichen Aufgabe der religiösen Bildung und Ausübung der Religion, sich auch um soziale Aufgaben kümmern.

Es ist wichtig, dass Menschen in erster Linie von ihren Familien und Verwandten unterstütz werden. Wenn sie bildlich gesprochen durch das Sieb der Familie fallen, so ist es eine kollektive Verpflichtung (fard kifaya) den Bedürftigen zu helfen und ihnen beizustehen.

Ein Blick in die Herkunftsländer der Muslime zeigt, dass um die Großmoscheen herum Gebäudekomplexe entstanden sind, die sich nicht nur die religiöse und seelische Versorgung von Muslimen zur Aufgabe gemacht haben, sondern auch die soziale Versorgung von Bedürftigen im Focus hatten, die sogenannten Külliyes, im wahrsten Sinne des Wortes, Gebäudekomplexe mit Moschee, Elementarschule, Hochschule, karitativen Einrichtungen wie Krankenhaus, Bad, Alten- und Waisenheime, Armenküche, Frauenheime, Heime für Menschen mit Behinderung und sogenannte Karawansereien, Herbergen für Reisende. Sie wurden meistens von Stiftungen getragen.

Wir erleben mittlerweile mit dem Altern der ersten Generation der muslimischen Migranten, dass der Bedarf an Pflege steigt. Während ein Teil von ihnen im familiären Umfeld gepflegt wird, wird ein Teil in unterschiedlichen Anstalten untergebracht, da die Umstände eine Pflege zu Hause nicht zulassen.

Aktuell stellt sich für die Muslime sicherlich die Frage nach einem islamischen Wohlfahrtsverband als gleichberechtigter neben anderen Wohlfahrtsverbänden und als Zeichen der strukturellen Integration des Islam.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es jedoch verfrüht, darüber genaue Angaben zu machen. Wir möchten erst einmal abwarten, was die Bestandsaufnahme über soziale Dienstleistungen in Moscheegemeinden zu Tage bringt. Dort findet sowohl im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit als auch im Bereich der Altenhilfe seit vielen Jahren großes soziales Engagement und Unterstützung statt.

In der Zwischenzeit wird man sich mit dem Thema der Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbandes sicherlich intensiver auseinandersetzen.

Die Datenerhebung läuft derzeit. Wir hoffen, dass dieser Prozess zügig abgeschlossen wird, damit wir einen Überblick darüber bekommen, welche sozialen Tätigkeiten es in Moscheegemeinden bereits gibt, welche Strukturen vorhanden sind, welche Strukturen aus- bzw. aufgebaut werden müssen, was Wohlfahrt im islamischen Kontext bedeutet.

Ich habe versucht, heute Ihnen einen kleinen Einblick in die Thematik aus muslimischer Sicht zu geben, ohne hier ein vollendetes Ergebnis liefern zu wollen. All diesen und weiteren Fragen müssen wir uns stellen. Es ist eine mittel- bis langfristige Angelegenheit, mit der wir uns beschäftigen werden.

Ich wünsche uns allen eine ertragreiche Tagung.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Erol Pürlü, Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM)

Berlin, 13.01.2015

[1] Zwischenresümee 4. Plenarsitzung 25. Juni 2009

[2] Siehe Sure 42:3 „…Sprich: "Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe zu den Verwandten." „Und dem, der eine gute Tat begeht, verschönern Wir sie noch. Wahrlich, Allah ist Allverzeihend, Dankbar.“

[3] Siehe Sure 3:114 „Diese glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und gebieten das, was Rechtens ist, und verbieten das Unrecht und wetteifern in guten Werken; und diese gehören zu den Rechtschaffenen.“

[4] Siehe hierzu auch Sure 78:8-9: „Und sie geben Speise - und mag sie ihnen (auch) noch so lieb sein - dem Armen, dem Waisen und dem Gefangenen, (indem sie sagen:) 'Wir speisen euch nur um Allahs willen. Wir möchten von euch weder Lohn noch Dank dafür.'“

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Bundesinnenminister de Maizière mit den Vertretern der islamischen Verbände

Schwerpunktthemen der DIK: Wohlfahrt und Seelsorge

Nach dem Gespräch von Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière mit islamischen Verbänden stehen die Schwerpunkte der künftigen Arbeit: Wohlfahrtspflege und Seelsorge. Änderungen gibt es im Format.

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