DIK - Deutsche Islam Konferenz - 1. Lenkungsausschuss - Kommentar zum Sachstand der DIK im Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe

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Kommentar zum Sachstand der DIK im Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe

Es gilt das gesprochene Wort

Kommentar von Herrn Prof. Hannes Schammann zum Sachstand der Deutschen Islam Konferenz (DIK) im Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe

Sehr geehrter Herr Seitz,

sehr geehrte Mitglieder der Ausschüsse und Arbeitsgruppen der Deutschen Islam Konferenz (DIK),

liebe Kolleginnen und Kollegen aus Forschung und Praxis,

sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst herzlichen Dank für die Gelegenheit, einen Kommentar zu Ihrem Vortrag, Herr Seitz, abzugeben – oder vielleicht korrekter: zum Sachstand des Arbeitsausschusses zu Kinder- und Jugendhilfe.

Ich habe zehn Minuten Zeit und will mich und Sie daher nicht mit langen Vorbemerkungen aufhalten. Nur die Perspektive, aus der ich spreche, möchte ich kurz skizzieren. Erstens: Ich bin kein Islamwissenschaftler, kein Sozialpädagoge und kein Jurist. Ich spreche aus der Position eines Politikwissenschaftlers, der sich mit Partizipation islamischer Organisationen beschäftigt. Und ich spreche, zweitens, als ein Mensch, der in den vergangenen Jahren mit vielen islamischen Jugendinitiativen und Erwachsenenverbänden zusammengearbeitet hat. Angesichts der bislang eher überschaubaren Datenlage sind meine Ausführungen stärker von persönlichen Erfahrungen geprägt als dies sonst wissenschaftlichen Gepflogenheiten entspricht. – Ich warte übrigens gespannt, wie Sie alle, auf die Ergebnisse der Bestandserhebung, die das Bundesamt für Migration und Flüchtling (BAMF) in Auftrag gegeben hat. Bis dahin stütze ich mich neben den bisherigen Veröffentlichungen der DIK vor allem auf qualitative und teils explorative Studien zu Einzelaspekten oder spezifischen Organisationen. Zu nennen sind dabei unter anderem die Arbeiten von Bochinger, Boos-Nünning, Halm, Hamdan/Schmid, Jagusch, Rosenow-Williams, Sauer, Schiffauer, Spielhaus, Stichs und anderen.

Nun aber in medias res: Zunächst aber kann ich sagen, dass ich mich über Vieles von dem freue, was Herr Seitz vorgetragen hat. Ich stelle fest, dass islamische Verbände in ihrer Professionalität in Sachen Kinder- und Jugendhilfe ernst genommen und gestärkt werden.

Gefreut hat mich auch, dass die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) diesmal nicht nur mit von der Partie ist, sondern explizit gewürdigt wird. Diese Entwicklung ist durchaus positiv und lässt mich hoffen, dass wir die Zeiten der ungleichen Hürden für verschiedene in der DIK vertretene Verbände hinter uns lassen können. Die Würdigung der IGMG trägt auch der Tatsache Rechnung, dass die Jugendarbeit des Verbands eine enorm positive Dynamik entwickelt hat – wie übrigens die islamische Jugendarbeit insgesamt. Das zeigen erste qualitative Studien wie die im Arbeitsausschuss besprochene von Hamdan und Schmid (2014), auf die ich mich im Folgenden immer wieder implizit beziehe.

Wenn ich hier übrigens von Jugendarbeit spreche, dann meine ich auch Jugendarbeit. Diese ist in § 11 SGB VIII definiert und bedeutet vor allem, dass Jugendliche mitbestimmen und mitgestalten dürfen. Jugendhilfe meint aber natürlich nicht nur Jugendarbeit. Hinsichtlich dieser Begriffe muss man in den Papieren der DIK deutlich und klar formulieren. Hier muss man aber auch in der praktischen Arbeit der islamischen Vereinigungen konzeptionell klarer werden. Das ist sicher eine Aufgabe für die kommenden Monate.

Herr Seitz, Sie haben zurecht darauf hingewiesen: Wohlfahrtspflege beginnt an der Basis. Ich beobachte, und Sie möglicherweise ebenso, dass in den Moscheegemeinden und Vereinen vor Ort Reibungsflächen zwischen den Generationen, mancherorts vielleicht sogar Generationenkonflikte, existieren. Dies hat mit Blick auf Jugendarbeit immer wieder zur Folge, dass sich islamische Jugendinitiativen ausgründen oder ihren Spielraum innerhalb des Verbandes auszuweiten suchen. Es läge daher – insbesondere angesichts des gesetzlichen Grundsatzes von Mitbestimmung und Mitgestaltung – nahe, solche Initiativen noch stärker als bislang in die Überlegungen der DIK zur Jugendarbeit einzubeziehen. Konkret spreche ich dabei sowohl von den Jugendorganisationen der Verbände, also zum Beispiel vom Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland (BDAJ) oder dem Bund der muslimischen Jugend der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), aber auch von außerverbandlichen Initiativen wie dem Rat muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA), den Zahnrädern oder auch der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD). Es geht mir nicht darum, den Vertretungsanspruch der Verbände in Frage zu stellen. Aber wenn die Basis der Jugendarbeit betrachtet werden soll, dann sollte auch die Basis gehört werden.

Jugendarbeit ist, wie gesagt, nur ein kleiner Teil von Kinder- und Jugendhilfe. Allerdings in meinen Augen ein wichtiger – insbesondere für Religionsgemeinschaften. Zieht man nämlich den hier ausnahmsweise angebrachten Vergleich zu den christlichen Kirchen, so zeigt sich: Jugendarbeit ist in der Praxis stärker konfessionell geprägt und liegt häufig bei den Kirchen selbst. Andere Angebote der Jugendhilfe aber oft bei freien Trägern und Wohlfahrtsverbänden. Hier frage ich die islamischen Verbände: Wie sehen Sie das Verhältnis von Religionsgemeinschaft und Wohlfahrtsverband? Wollen, sollen und können Sie versuchen beides gleichzeitig zu sein bzw. zu werden? Wo liegen die Präferenzen? Ich bin gespannt.

Wie auch immer es hier weitergeht: Die Entwicklung hin zu stärkeren Strukturen islamischer Jugendhilfe und zu einer stärkeren Professionalisierung ist mit Projekten gepflastert. Das ist mühsam, aber wohl unvermeidlich. An dieser Stelle müssen natürlich die Ihnen altbekannten und beinahe schon rhetorischen Fragen kommen: Kann es eine Professionalisierung ohne Profession geben? Passen die Begriffe „Professionalisierung“ und „Ehrenamt“ langfristig zusammen? Muss man nicht auch von Beginn an über Konzepte für langfristige Finanzierungen sprechen? Vielleicht ist es zu früh, diese Diskussion im Detail zu führen. Aber sie wird geführt werden müssen. Im Kern bedeutet sie, dass etablierte Wohlfahrtsverbände einen Teil vom Kuchen abgeben müssen. Herr Seitz, ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie darauf explizit hingewiesen haben!

In Ihrem Vortrag klang auch an, dass von einigen Teilnehmenden der Arbeitsgruppe hier möglicherweise schon vorgebaut wurde durch die Vermutung, in manchen Bereichen könne die interkulturelle Öffnung der etablierten Verbände ein Tätigwerden islamischer Träger überflüssig machen. Aber Vorsicht: Interkulturelle Öffnung ist nicht gleichzusetzen mit gleichberechtigter Teilhabe islamischer Akteure!

Interkulturelle Öffnung ist nach Hubertus Schröer definiert als „ein bewusst gestalteter Prozess, der (selbst)reflexive Lern- und Veränderungsprozesse von und zwischen unterschiedlichen Menschen, Lebensweisen und Organisationsformen ermöglicht, wodurch Zugangsbarrieren und Abgrenzungsmechanismen in den zu öffnenden Organisationen abgebaut werden und Anerkennung ermöglicht wird“. Selbst wenn die so verstandene interkulturelle Öffnung restlos gelänge, so ist sie doch eine Notwendigkeit per se, eine Voraussetzung für das Bestehen jeder Organisation – muslimisch und nicht-muslimisch – in einer pluralen Gesellschaft. Ein Ersatz für die Etablierung islamischer Träger und damit für gleichberechtigte Partizipation islamisch geprägter Akteure ist sie nicht – weder aus einer demokratietheoretischen Perspektive, noch mit Blick auf den § 3 SGB VIII, der fordert, dass es eine Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Trägern geben muss. Diese Vielfalt der Träger sollte meines Erachtens der gesellschaftlichen Pluralität entsprechen.

Zusammengefasst: Islamisch geprägte Kinder- und Jugendhilfe mag nicht immer und überall nötig sein, um den Grundbedarf sozialer Versorgung zu decken. Aber ihr Entstehen zu blockieren, wäre schlicht undemokratisch.

Ein weiterer Punkt zum Verhältnis muslimischer und nicht-muslimischer Träger: Sofern sich die DIK zur modellhaften Förderung islamischer Kinder- und Jugendhilfe entschließt, wird es mit einiger Wahrscheinlichkeit auch zu Kooperationen zwischen beiden kommen. Dies ist durchaus wünschenswert. Allerdings plädiere ich dafür, darauf zu achten, dass die islamischen Verbände nicht nur als „Türöffner“ für Angebote etablierter Träger verstanden werden dürfen. Um dem vorzubauen, kann man aus zahlreichen Erfahrungen ähnlich strukturierter, wissenschaftlich begleiteter Modellprojekte, unter anderem des BAMF, schöpfen.

Die meisten hier im Raum kennen Projektarbeit recht gut. Sie wissen auch, dass man Ziele spezifisch, messbar, realistisch und terminiert formulieren sollte. Auch die Arbeit der DIK zum Thema Wohlfahrtspflege ist eine Art Projekt. In den heute veröffentlichen Schlussfolgerungen des Lenkungsausschusses aber scheinen mir die skizzierten Handlungsfelder noch nicht ganz so klar und „SMART“ formuliert wie man das vielleicht gerne hätte: „Würdigung der Arbeit“, „Überprüfung der Möglichkeiten“...
Ich gebe zu: Noch ist es vielleicht auch hier zu früh, konkreter zu werden. Aber wenn die DIK nicht nur Symbolpolitik produzieren will, wird sie irgendwann Verantwortliche und Ressourcen für die skizzierten Vorhaben benennen müssen. Das hat aber ja in der Vergangenheit immer wieder geklappt. Ich bin also guten Mutes.

Meine Zeit zu kommentieren ist bereits um, daher lassen Sie mich die wichtigsten Punkte kurz zusammenfassen:

  • Die DIK ist in punkto Kinder- und Jugendhilfe auf einem guten Weg.
  • Sie sollte aber, erstens, in ihren Definitionen, Annahmen und Zielen konkreter werden, um Wirkung zu erreichen.
  • Sie sollte, zweitens, besonders in der Jugendarbeit organisierte Jugendliche innerhalb und außerhalb der verbandlichen Strukturen einbeziehen, um Legitimation zu sichern.
  • Und sie sollte, drittens, über kurz oder lang eine ehrliche Diskussion über Professionalisierung und Finanzierung ermöglichen.

Dann gelingt echte Teilhabe. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit!

Zusatzinformationen

Cover von Broschüren

Ergebnisse und Dokumente der DIK

Hier finden Sie alle Ergebnisse und wichtigen Dokumente der DIK zum Download.

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Bundesinnenminister de Maizière mit den Vertretern der islamischen Verbände

Schwerpunktthemen der DIK: Wohlfahrt und Seelsorge

Nach dem Gespräch von Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière mit islamischen Verbänden stehen die Schwerpunkte der künftigen Arbeit: Wohlfahrtspflege und Seelsorge. Änderungen gibt es im Format.

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