DIK - Deutsche Islam Konferenz - Reden + Interviews - Wohlfahrtspflege im Wandel

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Wohlfahrtspflege im Wandel

Es gilt das gesprochene Wort

Impulsvortrag der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig "Wohlfahrtspflege im Wandel" bei der Fachkonferenz im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz am 13. Januar 2015 in Berlin

Sehr geehrter Herr Kollege de Maizière,

sehr geehrte Mitglieder des Lenkungsausschusses,

sehr geehrte Damen und Herren, 

I. Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) sendet ein wichtiges Signal in unsere Gesellschaft.

Wir wollen die Herausforderungen, vor denen wir stehen, gemeinsam lösen.

Eine knappe Woche nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris ist dieses Signal ganz besonders wichtig. Wir lassen nicht zu, dass unsere Gesellschaft gespalten wird. Nicht der Islam ist für diesen brutalen Anschlag verantwortlich. Terroristen haben das getan. Um weiteren Anschlägen in Deutschland und Europa vorzubeugen, müssen wir alle zusammenstehen: Für Sicherheit und Prävention, für Meinungs- und Pressefreiheit, für Offenheit und Toleranz, für Demokratie und Vielfalt. An dieser Haltung lässt die Deutsche Islam Konferenz keinen Zweifel. Das finde ich wichtig, das begrüße ich.

Wir erleben in diesen Wochen auch, dass in unserem Land Stimmung gegen “den Islam“ gemacht wird. Auch solchen Tendenzen müssen wir entschieden entgegentreten. Auch gegen Pegida und ähnliche Bewegungen trete ich für eine offene und vielfältige Gesellschaft in unserem Land ein. Deutschland, Europa, auch das Abendland ist vielfältig. In unserem Land leben unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammen.

Zu dieser Vielfalt gehört der Islam. Es ist wichtig, das immer wieder zu betonen. Genauso wichtig ist es aber, dass wir ganz konkret darüber reden, wie wir das Zusammenleben organisieren: Was brauchen Muslime in Deutschland? Was wollen, was können, was sollen Muslime und ihre Verbände in unserer Gesellschaft einbringen?

Die Deutsche Islam Konferenz hat sich in der Vergangenheit durchaus mit Sicherheitsfragen beschäftigt. Heute aber stehen Themen im Mittelpunkt, die uns zusammenhalten, weil sie alle Menschen in Deutschland bewegen, gleich welchen Glaubens: Angebote und Chancen für Jugendliche. Gute Pflege.

Wenn Menschen teilhaben an unserem Sozialstaat und seinen Angeboten, dann ist das ein Signal gegen Ausgrenzung und damit auch ein Beitrag zur Prävention gegen Radikalisierung. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir heute in der Deutschen Islam Konferenz über Wohlfahrtspflege reden. Gerade jetzt. Und meine These lautet: Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, muss die Wohlfahrtspflege interkulturell offen sein.

II.

Wohlfahrtspflege hat eine gute und lange Tradition in unserem Land. Deutschland ist ein Wohlfahrtsstaat. Der Staat trägt Verantwortung für die Daseinsvorsorge. Es ist staatliche Aufgabe, soziale Unterschiede auszugleichen, Teilhabe zu ermöglichen und den Menschen soziale Sicherheit zu gewährleisten. Der Staat ist mit dafür verantwortlich, dass soziale Dienstleistungen in verlässlichen Strukturen erbracht werden. Was nicht heißt, dass der Staat alles selbst macht oder alles selbst machen sollte.

Freie Wohlfahrtspflege wird nicht von oben verordnet, sondern vor Ort von freien Trägern geleistet. Diese Form der Wohlfahrtspflege ist von unten gewachsen. Wir verteidigen diese Struktur und Qualität der Wohlfahrtspflege zum Beispiel auf europäischer Ebene gegen diejenigen, die das Soziale stärker über Markt und Wettbewerb gestalten wollen. Die Strukturen der Freien Wohlfahrtspflege sind aber auch historisch gewachsen. Zum Beispiel ist die Verankerung einiger Verbände in bestimmten Religionen oder Konfessionen oder auch die Verankerung in der Arbeiterbewegung für diese Verbände heute eine wichtige Tradition. Aber der Kern der Wohlfahrtspflege ist ein gemeinsamer.

Wohlfahrtspflege findet vor Ort statt und wird vor Ort anhand der gegebenen Bedürfnisse organisiert. Von Menschen für Menschen. Ganz konkret, das, was gebraucht wird. Diese Grundhaltung macht die Wohlfahrtspflege zu einem sicheren Anker für alle Menschen, die in irgendeiner Form Hilfe brauchen. Das können Menschen in Krisen sein: in Wirtschaftskrisen oder in persönlichen Lebenskrisen.

Aber es sind weder Wirtschafts- noch Lebenskrisen nötig, damit Menschen einen stabilen Anker brauchen. Es sind oft ganz alltägliche Dinge, bei denen die Menschen die Wohlfahrtspflege brauchen.

Eltern bringen ihre Kinder in Kindertagesstätten, weil sie dort gut – gerade auch sprachlich - gefördert werden und vielfältige Kontakte mit anderen Kindern knüpfen können. Alte Menschen werden besucht, umsorgt und gepflegt. 2,5 Millionen Ehrenamtliche engagieren sich im sozialen Bereich.Dazu gehört für mich ganz ausdrücklich auch das, was Menschen in islamischen Gemeinden und ihren Dachverbänden tun, aber auch in Sportvereinen, den Gewerkschaften oder in Sozialeinrichtungen. Ob haupt- oder ehrenamtlich: Ich habe großen Respekt davor.

III.

Der Titel meines Impulsvortrags heißt: Wohlfahrtspflege im Wandel, weil heute alle Wohlfahrtsverbände, alle sozialen Einrichtungen mit Wandel konfrontiert sind. Dazu zählt der demografische Wandel ebenso wie die Entwicklung Deutschlands zu einer Gesellschaft der Vielfalt, in der Einwanderung ebenso wie kulturelle und religiöse Unterschiede zum Alltag gehören. Wohlfahrtspflege heißt immer auch: Auf neue Entwicklungen neue Antworten zu finden. Die Antwort auf kulturelle und religiöse Unterschiede lautet: Interkulturelle Öffnung.

Interkulturelle Öffnung ist zunächst einmal eine Haltung. Zu sagen: Vielfalt ist gut. Vielfalt ist wertvoll. Vielfalt bringt uns voran. Diese Haltung erwarte ich von der Politik, von allen Glaubensgemeinschaften in unserem Land, von der Zivilgesellschaft und letztlich von jedem einzelnen Menschen. Interkulturelle Öffnung heißt: Ich nehme Menschen anderer Kulturen oder Religionen wahr und ernst: mit ihren Bedürfnissen, in ihrer Unterschiedlichkeit, mit ihren Traditionen und Werten. Interkulturelle Öffnung ist nötig in einer Gesellschaft der Vielfalt. Wir können nur miteinander leben, wenn wir miteinander reden, wenn wir offen und tolerant sind.

Interkulturelle Öffnung heißt gleichzeitig, darüber nachzudenken, wie das Miteinander der Kulturen und Glaubensrichtungen konkret gestaltet werden kann. Manchmal wird das einfach sein, wenn alle Beteiligten guten Willens sind. Manchmal werden Auffassungen aufeinanderprallen, und es wird Konflikte geben. Da müssen wir durch. Interkulturelle Öffnung ist auch nicht überall das gleiche: Sie kann in der Altenhilfe anders aussehen als in der Kinder- und Jugendhilfe. Vor allem aber: Interkulturelle Öffnung ist keine Einbahnstraße. Nur wenn alle sozialen Einrichtungen mitmachen, egal unter welcher Trägerschaft, wird sie die Wohlfahrtspflege in Deutschland wirklich verändern.

IV.

Zwei Beispiele aus den Schwerpunktthemen, die sich die Deutsche Islam Konferenz gesetzt hat, machen unterschiedliche Aspekte deutlich.

Das eine ist kultursensible Pflege. Die Zahl der Menschen über 65 mit Migrationshintergrund steigt und wird sich bis 2030 verdoppeln. Nicht alle sind Muslime, und längst nicht alle sind pflegebedürftig. Aber die Frage, wie Pflegekräfte auf Kultur und Religion der pflegebedürftigen Menschen Rücksicht nehmen, wird immer wichtiger und drängender. Es gibt schon viele Erfahrungen damit. Kultursensible Pflege fängt bei Kleinigkeiten an wie dem Ausziehen der Straßenschuhe beim Betreten einer Wohnung. Sie betrifft aber auch Essgewohnheiten, Sprachkenntnisse oder Körperpflege durch eine Pflegekraft des gleichen Geschlechts.

Interkulturelle Öffnung ist notwendig, wenn Menschen verschiedener Kulturen und Religionen Pflege benötigen. Kultursensible Pflege kann damit aber auch ein Wettbewerbsvorteil für Anbieter sein. Ein Träger oder eine Einrichtung, die kultursensibel pflegen kann, ist attraktiver. 

V.

Ein ganz anderes Beispiel ist Kinderbetreuung. Eltern mit Migrationshintergrund nehmen Kinderbetreuungsangebote deutlich weniger in Anspruch als Eltern ohne Migrationshintergrund. Aber der Abstand hat sich allein von 2013 bis 2014, also in einem einzigen Jahr, um drei Prozentpunkte verringert. Für mich ist das ein guter Trend. Natürlich hat nicht jedes muslimische Kind einen Migrationshintergrund, und nicht jedes Kind mit Migrationshintergrund ist muslimisch. Aber in den letzten Jahrzehnten sind viele Menschen aus islamischen Ländern nach Deutschland gekommen. Wir wollen und wir brauchen diese Einwanderung weiterhin. Deshalb ist der Dialog mit dem Islam auch ein Dialog über Zuwanderung und Integration. Und in diesem Rahmen ist frühkindliche Bildung ein Integrationsmotor.

Kinderbetreuung trägt dazu bei, gleiche Bildungs- und Teilhabechancen in unserer Gesellschaft zu schaffen. Deshalb ist es gut, wenn mehr und mehr muslimische Eltern diese Chance für ihre Kinder nutzen. Gleichzeitig ist interkulturelle Öffnung auch hier ein Auftrag an die Träger. Auch in Kindergärten und Kindertagesstätten geht es um Alltägliches wie die Ernährung und gleichzeitig um Grundsätzliches wie religiöse Feste.

Es geht aber auch um Sprache. Mit dem Programm „Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ investiert das Bundesfamilienministerium rund 400 Millionen Euro in diesem Bereich. Von dem Geld profitieren etwa 4.000 Kitas, die überwiegend Kinder unter 3 Jahren mit besonderem Sprachförderbedarf betreuen. Das ist eine Investition in die Zukunft in einer Gesellschaft der kulturellen Vielfalt.

V.

Wie geht es jetzt weiter mit der Wohlfahrtspflege und der Deutschen Islam Konferenz?

Wir werden eine Bestandsaufnahme machen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Studie in Auftrag gegeben, mit dem Ziel, einen Überblick zu bekommen, wie es bei den sozialen Dienstleistungen für die muslimische Bevölkerung in Deutschland aussieht. Es geht dabei um die Angebote in Trägerschaft der islamischen Gemeinden und um die Angebote der Wohlfahrtsverbände,die dem Ziel der interkulturellen Öffnung folgen. Die Ergebnisse sollen im Frühjahr vorliegen. Auch sie werden uns eine Grundlage für unseren Dialog über den Wandel in der Wohlfahrtspflege geben. Wir greifen damit auch eine Schlussfolgerung aus der bisherigen Arbeit auf.

Der Arbeitsausschuss hat festgestellt, dass es oft noch an Information fehlt: Innerhalb der islamischen Dachverbände und Gemeinden, aber auch zwischen den islamischen Organisationen, den Wohlfahrtsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege und den Kommunen. Aus den Ergebnissen der Bestandsaufnahme werden wir gemeinsam konkrete Empfehlungen entwickeln. Dabei wird es um Zusammenarbeit gehen, vor allem um Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene.

In vielen Kommunen gibt es hierzu gute Erfahrungen und funktionierende Netzwerke. In den Sitzungen des Arbeitsausschusses wurden einige gute Beispiele vorgestellt. Die Erhebungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge werden uns einen vertieften Einblick geben. Und es wird um Teilhabe gehen.

Ich bin davon überzeugt, dass islamische Träger auf kommunaler Ebene sehr viel stärker in bestehende Strukturen der Wohlfahrtspflege eingebunden werden können. In Jugendhilfeausschüsse oder Seniorennetzwerke. Die interkulturelle Öffnung ist eine Frage der Haltung: Wie gehen wir aufeinander zu und miteinander um? Sie ist gleichzeitig eine Frage der Strukturen: Welche konkreten Teilhabemöglichkeiten gibt es, wie können wir sie verbessern?

VI.

Ich will mit einem Beispiel schließen. Das Mehrgenerationenhaus Sassnitz auf Rügen hat einen muslimischen Gebetsraum zur Verfügung gestellt. Das Mehrgenerationenhaus in Berlin-Zehlendorf koordiniert den Willkommensdialog für Flüchtlinge im Bezirk und bezieht dabei auch die Kirchengemeinden mit ein. Bundesweit gibt es rund 450 Mehrgenerationenhäuser. Mehrgenerationenhäuser sind offen zugängliche Begegnungsstätten, die vielfältige soziale Angebote machen. Menschen verschiedener Generationen, Kulturen und Religionen treffen sich dort und haben die Möglichkeit, sich zu engagieren.

In den Kommunen sind die Mehrgenerationenhäuser Netzwerkpartner, wenn es darum geht, den Bedarf an interkulturellen Angeboten herauszufinden und solche Angebote aufzubauen. Die Wohlfahrtspflege, soweit sie nicht selber Träger ist, aber eben auch neue soziale Initiativen zum Beispiel in islamischer Trägerschaft können dort andocken und davon profitieren.

VII.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wohlfahrtspflege in Deutschland ist in sehr vielen Feldern freie Wohlfahrtspflege. In staatlicher Verantwortung, aber organisiert von freien Trägern, von unten, am Bedarf vor Ort ausgerichtet, von Menschen für Menschen. Wohlfahrtspflege im Wandel ist heute, davon bin ich überzeugt, eine Wohlfahrtspflege, die sich interkulturell weiter öffnen muss. Die nicht nur den Bedarf aufgreift, den Menschen islamischen Glaubens haben, sondern auch die Leistungen und das Engagement der Muslime, ihrer Gemeinden und Verbände. An dieser interkulturellen Öffnung möchte ich mit Ihnen gemeinsam weiter arbeiten. Im Dialog auf Augenhöhe.

Ich freue mich auf die Diskussion.

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Schwerpunktthemen der DIK: Wohlfahrt und Seelsorge

Nach dem Gespräch von Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière mit islamischen Verbänden stehen die Schwerpunkte der künftigen Arbeit: Wohlfahrtspflege und Seelsorge. Änderungen gibt es im Format.

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