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Altenhilfe und Altenpflege - Stand der Debatte in der Deutschen Islam Konferenz

Es gilt das gesprochene Wort

Input von Dr. Manfrad Schmidt zum Thema: Altenhilfe und -pflege - Stand der Debatte in der Deutschen Islam Konferenz (DIK) im Rahmen der Fachtagung „Wohlfahrtspflege als Thema der Deutschen Islam Konferenz - Handlungsfelder und Perspektiven“

Berlin, 14.01.2015 

1. Einleitung

Wohlfahrtspflege ist ein weites Feld und umfasst soziale Dienstleistungen für Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“.

Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) hat sich aus diesem breiten Thema darum zunächst einzelne Schwerpunkte vorgenommen und die Aspekte Kinder- und Jugendhilfe sowie Altenhilfe und –pflege bearbeitet. In Vorgesprächen zum Arbeitsprogramm der DIK für diese Legislaturperiode hatten die islamischen Dachverbände diese zwei thematischen Schwerpunkte angeregt. Dies seien aus ihrer Sicht die zwei Bereiche, bei denen der Bedarf der Verbände, Fortschritte zu erzielen, derzeit am höchsten sei.

Heute, zu Beginn des zweiten Tags der Fachtagung, möchte ich Ihnen den Stand der Debatte in der DIK zum Thema Altenhilfe und –pflege kurz darstellen. Auf den Arbeitsausschuss der Islamkonferenz allgemein sowie die Grundlagen der Wohlfahrtspflege möchte ich an dieser Stelle nicht mehr eingehen, Herr Seitz hat hierzu gestern ja schon ausführlich gesprochen.

2. Altenhilfe und -pflege als Thema der Interkulturellen Öffnung

Ein Blick auf die Zahlen macht schnell deutlich, welche Relevanz das Thema Altenhilfe und -pflege für Muslime in Deutschland heute und künftig hat:

  • Die Gruppe der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund zählt zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe in Deutschland:
  • 2010: circa 1,48 Millionen Personen
  • Prognosen lassen erwarten, dass die Gruppe der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund bis zum Jahr 2030 auf 2,8 Mio. ansteigen wird. Sie wird sich innerhalb der nächsten 15 Jahre also nahezu verdoppeln.
  • Mit circa 11,6 % machen Personen, die aus der Türkei stammen und mehrheitlich Muslime sind, den größten Anteil in dieser Gruppe aus.

Es ist also anzunehmen, dass der Hilfe- und Pflegebedarf unter den über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund auch künftig weiter steigen wird. Von den Familien selbst kann dies nicht allein abgedeckt werden.

Gerade im Alter spielt für viele die kulturelle Herkunft und die Religion eine zunehmend wichtige Rolle. Hilfe- und Pflegeeinrichtungen sind darum zunehmend gefordert, sich auf Klienten mit Migrationshintergrund einzustellen und entsprechende Pflege- und Informationsangebote anzubieten. Abstrakt gesagt heißt das: Das Versorgungssystem in Deutschland wird einer zunehmenden kulturellen und religiösen Vielfalt in der Gesellschaft in Zukunft noch verstärkt Rechnung tragen müssen. Diese abstrakte Einsicht wird sich ganz konkret auf die praktische Arbeit der Pflegeeinrichtungen auswirken, sprachlich und in vielerlei anderer Hinsicht.

Dies alles ist nicht ganz neu. Die Altenhilfe ist seit geraumer Zeit ein wichtiger Teilbereich der interkulturellen Öffnung von Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland. Bereits 2002 wurde etwa das Memorandum für kultursensible Altenhilfe verabschiedet vom Arbeitskreis „Charta für eine kultursensible Altenpflege" gemeinsam mit dem Kuratorium Deutsche Altershilfe, der damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen sowie den Spitzenvertretern aller großen Wohlfahrtsverbände veröffentlicht. Seit 2006 besteht das Forum für kultursensible Altenhilfe, das umfangreiche Materialien und Handreichungen zum Thema Altenhilfe und Altenpflege erarbeitet hat. Auch sind Themen wie Gesundheit und Pflege Bestandteil des Nationalen Aktionsplans Integration der Bundesregierung.Ich möchte an dieser Stelle auch auf den Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge „Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demographischen Wandel“ (2012) hinweisen, in dem verschiedene Maßnahmen empfohlen werden, um die pflegerisch-medizinische Versorgung zukünftig zu verbessern.

3. Altenhilfe und -pflege als Thema der DIK

Die Beschäftigung in der Islamkonferenz mit dem Thema Wohlfahrtspflege allgemein bzw. Altenhilfe und -pflege im Speziellen muss vor dem Hintergrund dieser Entwicklung gesehen werden. Sie ist eine Ergänzung zu den bereits geleisteten Anstrengungen der bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen im Rahmen ihrer interkulturellen Öffnung. In der Islamkonferenz konzentrieren wir uns dabei auf einen Teilbereich der interkulturellen Öffnung der Wohlfahrtspflege, und zwar auf die sozialen Dienstleistungen von und für Muslime.

Das Arbeitsprogramm der Islamkonferenz für diese Legislaturperiode formuliert diesbezüglich zwei Ziele. Sinngemäß heißt es darin:

  • Wir wollen uns in der DIK der Frage widmen, wie das Angebot an kultur- und religionssensiblen Leistungen der Wohlfahrtspflege für Mulime noch weiter verbessert werden kann.
  • Wir möchten dazu beitragen, dass muslimische Anbieter von sozialen Dienstleistungen ein immer selbstverständlicherer Teil des Systems der freien Wohlfahrtspflege werden.

Zur Umsetzung dieser Ziele wurden zunächst Bestandsaufnahmen zu sozialen Angeboten von und für Muslime mit den Schwerpunkten Kinder- und Jugendhilfe sowie Altenhilfe und -pflege konzipiert und in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dieser Bestandsaufnahmen werden bis Mitte 2015 vorliegen. Die Islamkonferenz wird damit einen wichtigen Grundlagenbeitrag liefern, da bundesweite valide Daten zu diesem Thema bisher fehlen.

Der Arbeitsausschuss der DIK hat sich im September 2014 in einer ganztägigen Sitzung mit dem Thema Altenhilfe und -pflege beschäftigt: Hierbei haben unter anderem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zu den Rahmenbedingungen der Altenhilfe sowie der Pflege vorgetragen; die Länderperspektive haben wir anhand der Aktivitäten des Landes NRW diskutiert und am Beispiel Nürnberg einen Blick auf die kommunale Ebene geworfen. Die Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege wurde anhand des Engagements der Diakonie dargestellt. Die Vorträge sind auf der Website der Islamkonferenz eingestellt und können dort abgerufen werden. Herr Burkert (Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, Nordrhein-Westfalen) und Herr Carrier (Diakonie) werden im Anschluss selbst auf dem Podium anwesend sein.

Wesentliche Inhalte, die für die Beschäftigung mit kultursensibler Altenhilfe und Pflege zugrunde gelegt werden müssen, waren:

1.   Die Altenhilfe stellt offene Angebote bereit, um älteren Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen Teilhabe und Unterstützung zu bieten. Ziel ist es, so lange wie möglich eine selbstständige Lebensführung im eigenen Heim zu gewähren. Es gibt jedoch kein Gesetz, das zentral für Deutschland die Förderung von Unterstützungsmaßnahmen regelt. Altenhilfe besteht vielmehr aus einer Vielzahl von Maßnahmen auf allen gesellschaftspolitischen und administrativen Ebenen. Unter anderem werden im Quartier angesiedelte, niederschwellige Angebote gefördert, die bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe und professionelle Unterstützung verbinden. So fördert das BMFSFJ Verbände wie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen sowie Träger für Einzelmaßnamen der Seniorenpolitik auf Bundesebene. Hierfür beispielhafte BMFSFJ-Programme sind die Mehrgenerationenhäuser oder die Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz.

2.   Was die Pflege betrifft, so gilt von staatlicher Seite der Vorrang der häuslichen Pflege, weshalb pflegende Angehörige besonders zu unterstützen sind. Bereits jetzt sind Familien die mit großem Abstand größten Erbringer von Pflegeleistungen. Ambulante und stationäre Pflegeleistungen werden von freien, aber zunehmend auch von privaten Trägern erbracht. Diese haben Anspruch auf Förderung aus der Pflegeversicherung, sobald sie die gesetzlichen Anforderungen hierfür erfüllen. Jede Einrichtung, die die Voraussetzungen erfüllt, hat Anspruch auf leistungsgerechte Vergütung.

3.   Innerhalb der Pflegeeinrichtungen und -unternehmen gibt es unterschiedlich ausgeprägte interkulturelle Ansätze, vereinzelt auch Angebote explizit für Muslime. Wie hoch ein spezifischer Bedarf für Muslime ist, kann jedoch nicht genau angegeben werden. Es bestand hingegen Übereinstimmung, dass es an muslimischem beziehungsweise hinreichend sensibilisiertem sowie sprachlich qualifiziertem Personal in Beratungs- und Pflegeeinrichtungen mangele.

4.   Mit Blick auf die Kommunen wurde insbesondere betont, dass auf dieser Ebene vor allem über Seniorenräte und Seniorennetzwerke die Möglichkeit besteht, sich im Quartier stärker einzubringen und zu engagieren. Zudem wurde auf die Bedeutung der Pflegestützpunkte hingewiesen. Von den gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen getragen, dienen sie als erste Anlaufpunkte für Beratung und Information über Pflegeangebote in der Kommune.

3.1 Arbeit der muslimischen Verbände

Die einzelnen islamischen Gemeinden sind wichtige Anlaufstellen für Ältere und bieten zum Beispiel in ihren Teestuben Räume für den täglichen Austausch, was sehr stark in Anspruch genommen wird. Jedoch gibt es seitens der islamischen Dachverbände beziehungsweise der Türkischen Gemeinde in Deutschland bislang kein kohärentes Vorgehen im Sinne der vorhin beschriebenen Altenhilfe und -pflege. Dies stellt bisher keinen Schwerpunkt ihrer sozialen Aktivitäten dar. Insgesamt ist festzuhalten, dass sich die Dachverbände hier noch am Anfang befinden. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) sind dabei gesondert zu erwähnen, da sie derzeit Strukturen der Vertretung von Senioren schaffen.

Von verschiedenen Vertretern wurde zudem betont, dass bisher gute Erfahrungen mit öffentlichen und gemeinnützigen Trägern bestünden. Als Bedarf für die nahe Zukunft wurden von den Verbänden insbesondere eine verbesserte Beratung und Information über bestehende Angebote und Leistungen sowie die Qualifizierung von Personal benannt. Insbesondere bestünde ein Bedarf an qualifiziertem Personal für die Bereiche betreutes Wohnen für ältere und behinderte Menschen, für Begegnungsstätten sowie für die Tagesbetreuung. Hinsichtlich der Beratung wurde eine Verbesserung der Zusammenarbeit der Pflegestützpunkte mit Migrantenorganisationen angeregt. Konkret wurde auch die Verbesserung der Kooperation zwischen den islamischen Verbänden und den Verbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege angesprochen.

4. Bewertung/Handlungsoptionen für die DIK

Der Arbeitsausschuss der Islamkonferenz hat am 2. Dezember 2014 als Ergebnis seiner bisherigen Sitzungen Ziele und Handlungsfelder definiert, die Ihnen vorliegen. Die Islamkonferenz wird in den kommenden Wochen und Monaten Empfehlungen zur Umsetzung dieser Ziele erarbeiten.

Für den Schwerpunkt Altenhilfe und -pflege zeichnen sich aus den Diskussionen bereits folgende mögliche Konkretisierungen ab:

  • Da beim Thema Altenhilfe vor allem aber auch der Altenpflege in den islamischen Dachverbänden noch keine oder vergleichsweise wenige Anknüpfungspunkte hinsichtlich Strukturen oder Personal bestehen, sollte kurzfristig vor allem die Verbesserung der Kooperation zwischen islamischen Dachverbänden und bestehenden Einrichtungen verfolgt werden. Die Kooperation von islamischen Dachverbänden mit den Wohlfahrtsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und den Kommunen im Bereich Altenhilfe und Altenpflege sollte ausgebaut werden, um bei Bedarf Angebote für Muslime zielgruppengerechter gestalten zu können beziehungsweise die Akzeptanz für bestehende Angebote bei Muslimen zu erhöhen.
  • Die Angebote der Altenhilfe und -pflege richten sich nach den Bedarfen vor Ort, entsprechend rückt die Kommune in den Fokus: Hier besteht viel Gestaltungsspielraum, da die offene Altenhilfe auf kommunaler Ebene wenig normiert ist. So ermöglicht zum Beispiel eine Mitwirkung in Seniorennetzwerken im Quartier eine verbesserte Teilhabe und Beratung, die Mitwirkung in Seniorenvertretungen in kommunalen Strukturen (bspw. Stadtseniorenrat) einen verbesserten Zugang zum politischen Prozess und zu Entscheidungsträgern. Pflegestützpunkte könnten zudem in Kooperation mit muslimischen Gemeinden ihr Beratungsangebot zielgruppengerechter gestalten.
  • Im Rahmen von Landes- und Bundesprogrammen (Mehrgenerationenhäuser, Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz) sollte zudem geprüft werden, inwiefern bereits mit islamischen Gemeinschaften kooperiert wird, um diese Zusammenarbeit gegebenenfalls auszubauen. Auch hier ginge es darum, Angebote für Muslime zielgruppengerechter gestalten zu können beziehungsweise die Akzeptanz für bestehende Angebote bei Muslimen zu erhöhen.
  • Bei öffentlich geförderten Fortbildungsangeboten, Lehrgängen etc. sollten bei Interesse Verterter muslimischer sozialer Träger stärker berücksichtigt werden. Hochschulen/ Fachhochschulen sollten möglichst eingebunden werden, einerseits um einschlägige Studiengänge wie Soziale Arbeit inhaltlich um die Zielgruppe Muslime zu erweitern und andererseits um Muslime für diese Studienrichtung zu gewinnen, gegebenenfalls in Kooperation mit den Zentren für islamische Theologie.

Die eben genannten Punkte sollen Ihnen einen Eindruck der Diskussion im Arbeitsausschuss der Islamkonferenz vermitteln. Es handelt sich noch nicht um Ergebnisse oder konsentierte Empfehlungen. Vielmehr möchten wir die Fachtagung nutzen, diese Punkte mit Ihnen zu diskutieren und somit Anregungen für unsere weitere Arbeit in der Deutschen Islam Konferenz zu bekommen.

Ich bin gespannt auf unsere Diskussion!

 

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Cover von Broschüren

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Hier finden Sie alle Ergebnisse und wichtigen Dokumente der DIK zum Download.

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Bundesinnenminister de Maizière mit den Vertretern der islamischen Verbände

Schwerpunktthemen der DIK: Wohlfahrt und Seelsorge

Nach dem Gespräch von Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière mit islamischen Verbänden stehen die Schwerpunkte der künftigen Arbeit: Wohlfahrtspflege und Seelsorge. Änderungen gibt es im Format.

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