DIK - Deutsche Islam Konferenz - Festakt zum zehnjährigen Bestehen der DIK - "Herausforderungen und Chancen für das nächste Jahrzehnt"

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"Herausforderungen und Chancen für das nächste Jahrzehnt"

Dr. Bekir Alboğa, Generalsekretär der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) beim Festakt zu 10 Jahre Deutsche Islam Konferenz.

Es ist mir eine große Freude und Ehre, anlässlich dieses Festaktes als Generalsekretär der DITIB ein Grußwort für die Muslime halten zu dürfen. Ich danke Ihnen für Ihre Einladung.

Herr Dr. Schäuble: den Satz, den Sie zur Eröffnung der DIK vor 10 Jahren sagten, zitiere ich immer wieder gerne: "Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft. Muslime sind in Deutschland willkommen."

Ich erinnere mich gerne an die erste Eröffnungsveranstaltung der DIK. Mit dieser Feststellung haben Sie der deutschen Gesellschafft angeraten, zu akzeptieren, dass man als deutscher Staatsbürger auch etwas anderes sein mag und sein kann als Christ, Jude oder Atheist, dass auch Muslime gleichberechtigter und akzeptierter Teil dieses Landes sind. Ich sage Ihnen heute nach 10 Jahren im Namen der Muslime in Deutschland herzlichen Dank für diese mutige und wegweisende Aussage und auch für den Weg, den Sie mit uns Muslimen zusammen gegangen sind.

Gemäß dem Geist der DIK sollte beim Gespräch zwischen Muslimen und Vertretern von Bund, Ländern und Gemeinden der gesellschaftliche Zusammenhalt im Mittelpunkt stehen.

Aber ich erinnere mich auch daran, dass damit ein intensiver, manchmal auch erschöpfender persönlicher, institutioneller und öffentlicher Dialog angestoßen wurde. Aus dem Dialog entstanden wichtige Initiativen, und daraus wiederum Kooperationen.

Die Schlagworte DialogInitiativeKooperation sind wichtig, weil sie hervorheben, wie das Eine zum Anderen führt.

Es musste und sollte etwas getan werden für die Teilhabe, Chancengleichheit und Integration und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.

Die Deutsche Einheit hatte die Mauer überwunden und so galt es, auch die Mauern in den Köpfen niederzureißen. Die Ermutigung unseres damaligen Bundespräsidenten Wulff an die Muslime am Tag der Deutschen Einheit 2010 in Bremen zeigte aber auch, dass viele nicht der Meinung waren, dass der Islam und die Muslime zu Deutschland gehörten.

Meine Damen und Herren,

wir wollten miteinander reden. Und ich möchte Ihnen sagen, dass es ein großartiger Verdienst von Herrn Schäuble und seiner Mitarbeiter war, die DIK zu initiieren, die zur stetigen Fortführung der Gespräche bis heute geführt hat. Hierfür gilt mein ausdrücklicher Dank auch Herrn Innenminister Thomas de Maizière.

Denn wir wissen alle, dass Gespräche auch immer von der Öffentlichkeit begleitet werden. Das ist gut und richtig so. Denn, was nützen uns Selbstgespräche, wenn sie nicht da draußen gehört, verstanden und mitgetragen werden? Doch waren die Gespräche in der DIK auch immer von Zwischenrufen von außen begleitet, die nicht immer zur Würdigung des Erfolgs und der Annäherung beigetragen haben. Im Gegenteil.

Ich glaube, dass die DIK in den Medien zum Teil nicht mit der verdienten Aufmerksamkeit und in gebührender Weise begleitet wurde.

Meine Damen und Herren,

irgendetwas ist anders geworden in unserem Land. Vielleicht haben wir alle die Komplexität der öffentlichen Debatten und die Zwischenrufe unterschätzt. Diese Zwischenrufe von außen vermischen je nach Bedarf Integrations-, Flüchtlings- und Islamdebatten miteinander und machen eine Sichtbarmachung von Erfolgen sehr schwer.

Die von außen geführte Debatte um die Legitimität der Ansprechpartner war von Anbeginn von vielen Zwischenrufen begleitet. Die letzten Zwischenrufe zielten dann auch darauf ab, Muslime als Vertreter ausländischer Mächte zu brandmarken und ihnen ihre Vertretungsrolle so abzusprechen.

Hinsichtlich der Geschlechterbilder und Arbeitsmarktchancen ist es dabei geblieben, dass Frauen mit Kopftuch immer noch in vielen Arbeitsbereichen ungern gesehen sind und dass sie sich viermal öfter bewerben müssen, um überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Das Justizministerium in NRW möchte die Imame eine Sicherheitsprüfung durchlaufen lassen, die bis vor kurzem als unbedenkliche Seelsorger in Justizvollzugsanstalt gern gesehen und herzlich willkommen waren.

Auf offener Straße haben Neo-Nazis ohne Angst und ohne Scheu eine türkisch-muslimische schwangere Frau beim Lidl-Market angegriffen.

In Dresden war wieder eine Moschee Zielscheibe von Angriffen.

Hinsichtlich der Flüchtlingsarbeit seitens der Muslime waren dann die Zwischenrufe zu hören, man könne den unintegrierten Muslimen nicht die Integration der Flüchtlinge überlassen.

Der Islamische Religionsunterricht ist ein Beispiel für wichtige Ergebnisse der DIK. Gemeinsame Weichen wurden im Rahmen der DIK gesetzt. Das Gemeinwesen hat die Ergebnisse zwar aufgegriffen und weiterentwickelt, jedoch in den Bundesländern derartige institutionelle Rahmen geschaffen, die die muslimischen Verbände und Vertreter wiederum entweder gänzlich oder weitgehend ausgeschlossen hat. Stellenweise wird gar versucht, neue, genehmere Akteure zu schaffen oder zu einem Vertretungsanspruch zu verhelfen, was verfassungsrechtlich schwerlich zu erklären ist, in einigen Bundesländern gar einen Verfassungsbruch darstellen.

Hinsichtlich der Islamischen Theologie stellen wir fest, dass– wie beim Islamischen Religionsunterricht auch – in der Umsetzung unter weitgehendem Ausschluss muslimischer Religionsgemeinschaft an den Universitäten sich verselbstständigt hat.

Bedauerlich ist insbesondere in den beiden letzten Beispielen, dass der Islamische Religionsunterricht und die Islamischen Lehrstühle so dargestellt werden, als seien sie die Gegenspieler der muslimischen Verbände.

Erklärtes Ziel der DIK war: Wir wollen miteinander reden und müssen aufpassen, dass wir die, mit denen geredet werden soll, nicht ausgeschlossen werden.

Diesbezüglich ist Ihre Herangehensweise, Herr Dr. Schäuble, hervorzuheben. Sie brachten in Ihren Gesprächen auch das Thema Kooperation zur Sprache “Wenn es uns gelingt, dafür zu sorgen, dass islamische Theologie an deutschen Hochschulen gelehrt wird – dafür wäre allerdings ein Austausch mit anderen Ländern erforderlich –, würde dies zu einer Bereicherung der Theologie in unserem Lande führen, und zwar über den Islam hinaus. Außerdem wäre dies ein wichtiger Beitrag zur islamischen Theologie, der über unser Land hinausgeht.”

Dieser Ansatz ist richtig, denn ein de-kulturiertes Religionsverständnis, ein de-kulturierter Islam kappt feste Wurzeln und ein historisches, gesellschaftliches und gemeinschaftliches Bezugssystem.

Oliver Roy stellt fest, dass die Radikalisierung muslimischer Jugend in Europa nicht eine Folge der Existenz von Extremisten ist. Radikalisierung vollziehe sich vielmehr durch einen de-kulturierten Islam, der keiner seiner Ausprägungen in irgendeiner Gesellschaft entspricht und auch zu keiner Gemeinschaft. Der Islam, den sie – die Extremisten- erwählt haben, ist nicht der überlieferte Islam.

Vielleicht ist dies ein Gedanke, der unser Bewusstsein bezüglich eines in Deutschland beheimateten Islams öffnen sollte. Ein de-kulturierter Islam ist kein besser, sondern allenfalls ein selbstbezogener, schwacher und anfälliger.

Und, meine Damen und Herren, ein de-kulturierter Islam, allein in Deutschland und für Deutschland gedacht, kann keinen Dialog führen.

Gerade deshalb möchte ich meinen Betrag mit einigen Fragen beenden: Unser aller Ziel war es, miteinander zu reden – aber derzeit herrscht donnerndes Schweigen.

Wie kann, soll unter diesen Bedingungen Initiative und Kooperation möglich sein?

Vielleicht wurde noch nie so viel über die Muslime geredet wie heute. Fällt dann das Mit-ihnen-Reden möglicherweise kaum mehr ins Gewicht?

Trauen wir uns aus der Angst heraus, dass alles Gesagte in der Öffentlichkeit, in Politik oder Medien ins Gegenteil verkehrt werden könnte, nicht mehr zu füreinander, miteinander stark zu sein? Wir alle zusammen tragen Verantwortung dafür, dass dem nicht so ist...

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Danke

(Es gilt das gesprochene Wort)

Datum 27.09.2016