DIK - Deutsche Islam Konferenz - Festakt zum zehnjährigen Bestehen der DIK - "Ein Jahrzehnt Deutsche Islam Konferenz – längst selbstverständlich? Kompass für die Zukunft"

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"Ein Jahrzehnt Deutsche Islam Konferenz – längst selbstverständlich? Kompass für die Zukunft"

Dr. Thomas de Maziére, Bundesinnenminister beim Festakt zu 10 Jahre Deutsche Islam Konferenz

Ave pax - sei gegrüßt, Frieden!

Muslimische, jüdische, buddhistische und christliche Klänge verschmelzen hier zum Schluss zu einem Friedensgruß der Religionen - wirklich eindrucksvoll!

Wenn es doch außerhalb der Musik auch so einfach wäre.

Wenn ich aufgreife, was eben gesungen wurde, dann heißt das: Auch wenn wir nicht eines Glaubens sind, so haben wir doch gemeinsam, dass wir eines Geistes sind oder sein sollten, weil wir eben Menschen sind.

In diesem Geist wollen wir heute ein Jahrzehnt Gemeinsamkeit in der Deutschen Islam Konferenz bedenken, befragen diskutieren und ja, auch feiern.

10 Jahre Deutsche Islam Konferenz - das sind 10 Jahre, in denen

  • Vertrauen aufgebaut,
  • Verlässlichkeit geschaffen,
  • Wissen erweitert,
  • Neugier geweckt,
  • und auch das eine oder andere unnötige Tabu gebrochen wurde.

Das ist ein Wert an sich!

Schaut man auf Deutschland 10 Jahre zurück, stellt man fest, dass die Religionen - mehr noch die Menschen unterschiedlichen Glaubens - eher nebeneinander, nicht aber miteinander lebten, sich aber durchaus kritisch beäugten und viel Unkenntnis vorherrschte.

Vor 10 Jahren gab es - zumindest auf Bundesebene - keinen gesellschafts- und religionspolitischen Dialog zwischen Staat und Muslimen - heute sind beide Partner einander stärker verbunden. 

Dass das möglich wurde, daran haben viele von Ihnen, die heute hier sind, einen wesentlichen Anteil. Sie haben die Deutsche Islam Konferenz aktiv unterstützt - das oft ehrenamtlich, mit viel Herzblut, mit viel Kritik und mit Visionen eines gelingenden Miteinander.

Dafür danke ich allen, die dabei gewesen sind - von Anfang bis heute, mit ganzem Herzen.

Wenn wir heute 10 Jahre DIK begehen, tun wir das in einer Zeit, in der die Diskussion um den Islam in Deutschland aufgeladen ist, mehr als vor 10 Jahren.

Jeder spürt das - die Muslime am allermeisten.

Viele Menschen treiben drängende Fragen um; nicht jede davon hat einen Bezug zum Islam. Aber sie werden oft direkt oder indirekt im Bezug zum Islam gestellt.

  • Wie kann verhindert werden, dass in Zukunft erneut so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen wie im letzten Jahr und Deutsclhand sich zugleich seiner humanitären Verantwortung stellt?
  • Wie kann die Integration so vieler neuer Mitmenschen gelingen, die eine Bleibeperspektive haben?
  • Welche Gesellschaft wollen wir künftig sein? Und welche gerade nicht?
  • Wie gelingt es uns, rechtsextreme Gewalt und Hetze zurück zu drängen?
  • Wie bekämpfen wir die Bedrohung durch den Terrorismus?
  • Aber auch: Wie wollen wir in Zukunft das Verhältnis zwischen Staat und Religion gestalten?

Das kooperative Verhältnis zwischen Staat und Religion, zu dem wir in Deutschland in einem langen historischen Prozess gefunden haben, bewährt sich. Auch im europäischen und internationalen Vergleich.

Weltanschaulich neutral - ja, das sind wir. Aber nicht laizistisch oder religionslos.

Handeln aus einem gelebten Glauben heraus darf und soll wirken können, auch öffentlich - zum Guten der Gesellschaft. Hierfür schafft der demokratische Staat den Rahmen. Und hier verteidigt er ihn, wenn Menschen ihn im Namen ihres Glaubes missbrauchen. Das hat Geltung für alle Religionen - auch für Muslime. Ihre Religionsfreiheit gehört zu Deutschland. 

In diesem Geist hat mein Kollege Wolfgang Schäuble heute auf den Tag genau vor 10 Jahren die Deutsche Islam Konferenz ins Leben gerufen - eine Entscheidung mit großer Weitsicht.

Die Entscheidung war gut, und sie war richtig. Und ich nutze gerne die Gelegenheit, um mich bei Ihnen öffentlich und herzlich für diese Initiative zu bedanken.

Denn in Deutschland erlagen viele einem Denkfehler und dachten, die Bedeutung des Religiösen im Leben von Menschen nehme ab, weil es in Deutschland weniger Christen gibt und das Staats-Kirchen-Verhältnis keine grundlegenden Probleme kannte.

Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Wir erkennen, dass Religionen in Zustimmung und Ablehnung eine große Bedeutung für das Zusammenwirken und Zusammenleben unseres Gemeinwesens und erst Recht weltweit haben und dass Religionen und Religionsgemeinschaften in einer großen Verantwortung stehen.

Die Deutsche Islam Konferenz hat das wahrgenommen. Sie war und ist Impulsgeber für Fragen der praktischen Religionsausübung - in Anerkenntnis des Vorrangs demokratischen Rechts und der Religionsausübung anderer. 

Die Teilnehmer haben viel diskutiert, oft kontrovers und manches Mal auch hitzig gestritten und Türen geknallt - das gehört dazu. 

Schließlich wurden greifbare Erfolge erzielt, die von Bestand sind:

  • Islamischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen,
  • Lehrstühle für islamische Theologie an deutschen Universitäten - auch als Voraussetzung für die Imamausbildung: vor 10 Jahren undenkbar.
  • Anleitung zu Bestattungen in Deutschland muslimischen Glaubens, auch zum Moscheenbau
  • jüngst: der Aufbau einer zentralen Anlaufstelle für muslimische Wohlfahrtspflege,
  • Thema Seelsorge stehen Empfehlungen bevor. Das ist wichtig, etwa wenn es um gut gemachte Seelsorge in Gefängnissen, in Krankenhäusern, bei der Bundeswehr und bei der Polizei geht.

Doch die Welt verändert sich und mit ihr die Herausforderungen. Sie ist mindestens mal komplexer als noch vor einem Jahrzehnt - oder vorsichtiger fomuliert: Sie wird vielleicht als komplexer wahrgenommen

  • Die Mörder des internationalen Terrorismus missbrauchen den Islam für ihre Taten.
  • Agressivität auch gegen muslimische Religionsausübung in Deutschland nimmt zu.   

    Und deswegen ist es umso empörender, dass einen Tag vor "10 Jahren Deutsche Islam Konferenz" und wenige Tage vor dem Feiern der Deutschen Einheit, gestern Abend in Dresden ein Sprengstoffanschlag gegenüber einer DITIB-Moschee am Kulturzentrum stattgefunden hat. Gottseidank ohne große Verletzte - aber auch das wollen wir in Deutschland nicht, dass so etwas in Deutschland geschieht. Gegen wen sich das auch immer richtet.

  • Vor zehn Jahren gab es in Deutschland unter den Muslimen eine klare Mehrheit türkeistämmiger Menschen. Flucht und Zuwanderung machen den Islam in Deutschland nun vielfältiger.

Das hat auch Auswirkungen auf die Deutsche Islam Konferenz. Da kann auch die Verbandslandschaft nicht die Gleiche bleiben. Die Frage, wie sich der Islam in Deutschland künftig organisiert, ist unausweichlich.

Die Pioniere der Deutsche Islam Konferenz erinnern sich sicher noch daran, dass das Format seinerzeit weder selbstverständlich noch allseits akzeptiert war. Das ist heute nicht anders. 

Es gab und gibt sehr viel Kritik, weil Organisation und Vertretungsanspruch islamischer Vereine und Verbände in Zweifel stehen.

  • Vertreten sie überhaupt die Muslime in Deutschland?
  • Wie groß ist die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit?
  • Würden muslimische Einzelpersonen, auch im Lenkungsausschuss, die repräsentative Wirkung der Islamkonferenz erhöhen oder mehr Konflikte auslösen als mildern?

Wir müssen die Kritik an diesem Mangel an tatsächlicher Vertretung sehr ernst nehmen. Denn sie berührt die Reichweite, die Wirkung unserer Zusammenarbeit.

Trotz alledem: Die Verbände sind das Gesicht und die Stimme des organisierten Islam in Deutschland. Deshalb sehe ich die Verbände als wichtigen Partner in der Deutschen Islam Konferenz und zugleich in der besonderen Verantwortung und der Pflicht, festere und transparentere mitgliedschaftliche Strukturen bei den Moscheegemeinden zu schaffen. Das ist keine Forderung nach dem einen Ansprechpartner. Natürlich weiß ich um die Heterogenität des Islam. Auch darum, dass der Islam in Deutschland nicht nur nach Konfessionen oder Glaubensrichtung organisiert ist, sondern oftmals nach regionaler oder ethnischer Herkunft. 

Aber ohne klare, repräsentative und transparente Mitgliedsstrukturen wird die Forderung nach einer Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts nicht erfolgreich sein. Wenn Verbände, die sich als Religionsgemeinschaft verstehen wollen, den Eindruck erwecken, dass sie politisiert agieren und so Polarisierung verstärkt wird, dann ist das ein Problem, weit über den Verband hinaus.Gleichzeitig Religionsgemeinschaft, politische Lobbyisten und Vertretung ausländischer politischer Interessen zu sein, das sind Rollen, die sich nicht vertragen.

Politische Einflussnahme aus dem Ausland auf Deutschland unter Berufung auf die Religion können wir nicht akzeptieren, insbesondere, wenn sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung wirken. Und Konflikte im Ausland über eine bestimmte Auslegung des Koran dürfen nicht in Deutschland ausgetragen werden - jedenfalls nicht gewaltsam .

Verstehen Sie mich richtig: Ich halte nichts von einer pauschalen Verbändekritik.

Islamische Verbände spielen eine wichtige Rolle für unser Gemeinwesen. Gerade weil sie wichtig und unverzichtbar sind, denn ihr Handeln wird allen Muslimen in Deutschland zugerechnet.

Nach 10 Jahren verlässlicher und vertrauensvoller Kooperation geht es mir darum, deutlich zu machen, wie die Zusammenarbeit künftig verbessert werden kann. Dazu gehören die Verbesserung der mitgliedschaftlichen Strukturen und eine stärkere Verortung in Deutschland.

Das alles geht nicht ohne eine sehr viel engere innermuslimischen Zusammenarbeit, zu der ein innerreligiöser Dialog, durchaus auch ein streitiger, gehört. Ein streitiger, pluraler Dialog wird eine Akzeptanz des Islam in Deutschland befördern und nicht mindern. 

Dazu gehört, dass die Verbände ihrerseits selbst kritische Debatten über ihr eigenes Selbstverständnis führen - und gerne auch öffentlich. Und dazu gehört auch ein engerer Austausch zwischen den Verbänden und den sich etablierenden Zentren für islamische Theologie. 

Dass innermuslimischer Dialog gut funktioniert, hat die Deutsche Islam Konferenz bei der islamischen Wohlfahrtspflege gezeigt: Kürzlich haben sich für den Sozialbereich sieben der zehn Verbände der Islam Konferenz in einem Kompetenzzentrum Islamische Wohlfahrt zusammengetan - ein schöner Erfolg. Und vielleicht die Keimzelle für etwas ganz Großes. 

Meine Damen und Herren, stets war das Thema "Sicherheit und Deutsche Islam Konferenz" ein sensibles Thema.

In dieser Legislaturperiode führen wir dazu wieder einen Dialog, neben der Deutschen Islam Konferenz unter dem Motto "gemeinsam sicher leben". Nur, das sollen wir gemeinsam öffentlich machen. Denn Sicherheitsfragen machen nicht Halt an Religion und Glaube.

  • Sind es eher Biographie und soziale Problemlagen, die junge Menschen zu terroristischen Attentätern machen?
  • Oder entfaltet hier eine extremistisch religiöse Auslegung des Islam ihre Macht? Und warum gelingt das? Und wie kann man das verhindern?
  • Und was bedeutet das für die Prävention von Radikalisierung?
  • Und woher kommt diese Gewalt gegen Asylbewerber, gegen muslimische Einrichtungen und muslimische Menschen?

Ich höre oft Aussagen wie "Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun" und "Terroristen - das sind für mich gar keine Muslime". Wenn Muslime das für sich persönlich so sagen, dann freut mich das als Ausdruck eines gewaltfreien Verständnisses der eigenen Religion. Und ich verstehe auch, wenn viele Muslime sagen "Warum muss ich mich eigentlich immer entschuldigen für meinen Glauben, wenn andere diesen Glauben missbrauchen und andere Menschen umbringen? Was habe ich damit zu tun? Warum muss ich mich immer entschuldigen?"

Ich verstehe das.

Aber von den Vertretern islamischer Verbände erwarte ich in unseren Diskussionen mehr.

Es gibt die friedenstiftende Kraft der Religionen, so wie sie heute musikalisch so schön zum Ausdruck kam. Aber es gibt genauso religiös gerechtfertigte Gewalt und Hass gegen Religionen. Ich wünsche mir eine stärkere Debatte um die Eindämmung von Extremismus und Gewalt - innerislamisch wie im staatlichen Dialog. Die Idee, die Konferenz im engeren Sinne in dieser Legislatur nicht mit Sicherheitsthemen zu belasten und daneben das Dialogforum "gemeinsam sicher leben" zu schaffen, war richtig. Aber seit dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo hat sich die Wahrnehmung des Islam geändert. 

Ich halte es deshalb für ratsam, die Sicherheitsdebatte künftig wieder intensiver und auch öffentlich zu führen. Diesen Dialog nicht zu führen, auch nicht öffentlich zu führen, schürt mehr Distanz und Misstrauen als es dafür sorgt, die überwältigende Mehrheit friedlicher Muslime nicht unter Generalverdacht zu stellen.

Ich wünsche mir, dass aus der Mitte der Gläubigen heraus das Gewaltpotential von Religion aufgearbeitet wird - und nicht verdrängt und weggedrückt wird. Das liegt auch im vitalen Eigeninteresse muslimischer Verbände.

Meine Damen und Herren, Religion berührt das Leben vieler Menschen in Deutschland. Sind Religionen positiv in die Gesellschaft eingebunden, können sie sie stärken und einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leisten.

Deswegen bleibt der Dialog der Religionen und mit den Religionen ganz allgemein und die Deutsche Islam Konferenz im Besonderen so wichtig. Wie sie sich in Zukunft findet und verändert, das müssen und sollten wir in den kommenden Monaten diskutieren. 

10 Jahre Deutsche Islam Konferenz waren richtungsweisend und ein Kompass in die Zukunft.

Wie könnte ein Festakt in 10 Jahren lauten?

Ich weiß nicht, ob es dann die Deutsche Islam Konferenz noch gibt. Aber vielleicht könnte die Überschrift so lauten: "Vom staatlich initiierten Dialog zu einer gelungenen, demokratischen eigenständigen Vertretung des Islam?"

Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen kann.

In einem Leben in Miteinander, Freiheit, Toleranz - geprägt von einem gemeinsamen Geist des Friedens und der Verständigung. 

Vielen Dank.

Datum 27.09.2016