DIK - Deutsche Islam Konferenz - Reden und Interviews

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Rede von Ministerin Aygül Özkan

Die niedersächsische Integrationsministerin Aygül Özkan hielt während des DIK-Plenums am 19.04.2012 eine Rede zum Thema Geschlechtergerechtigkeit. Sie hob hervor, dass die reale Rollenverteilung in muslimischen Familien völlig anders ist, als in verbreiteten Klischees kolportiert. Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut. (Es gilt das gesprochene Wort.)


Sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Friedrich,

Liebe Ministerkollegen,

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Integration von Muslimen und Musliminnen in Deutschland kann nur gelingen, wenn die Geschlechtergerechtigkeit im Fokus steht.

Oft genug tauchen die Themen

  • Zwangsheirat
  • innerfamiliäre Gewalt
  • Ehrenmorde und
  • geschlechtliche Ungleichbehandlung von Frauen und Männern

auf.

Bund, Länder und die verschiedenen Verbände treten diesen Themen entschieden entgegen. Wir haben Programme entwickelt und stehen in einem engen Dialog.Es gibt jedoch viele die behaupten, dass die Probleme im Islam als Religion begründet liegen - oder zumindest damit zusammenhängen.Ich bin weder Islam, Religions-, oder Kulturwissenschaftlerin, noch Theologin. Ich kann nur als Juristen oder als Sozialministerin zu dem Thema Geschlechtergerechtigkeit sprechen. Erlauben Sie mir aber ein paar einführende Worte zur Interpretation des Korans.

1. Feststellung:

Allgemein lässt sich nach den maßgeblichen Koranauslegungen feststellen, dass Gott sich nicht direkt an die Frau wendet, sondern immer über den Mann – quasi als Vermittler - an die Frau.

2. Feststellung: 

Das ist aber nichts Ungewöhnliches für einen religiösen Text, der sich an eine Gesellschaft der Spätantike richtet, wie sie die arabische Halbinsel im 6. Jahrhundert darstellte. 

Zur Interpretation: 

Der Koran ist wie jede andere Heilige Schrift unantastbar. Er ist die Grundlage dieser Religion und unfehlbar. Aber die Menschen die ihn interpretieren sind nicht unfehlbar. Zum politischen Einordnen des Themas Geschlechtergerechtigkeit im Kontext der islamischen Religion gilt das, was für alle heiligen Texte gilt.Jede Weltdeutung ist an die historischen Deutungshorizonte ihrer Zeit und Umgebung gebunden.Wie wir den Koran auslegen, hat also auch sehr viel damit zu tun, wie wir gemeinsam leben wollen und wie wir ihn verstehen wollen. Ein Kerngedanke des Korans ist die Unterstützung von Schutzbedürftigen. 

Wo der Koran den Einzelnen der Gemeinschaft unterordnet,muss das Grundgesetz den Einzelnen auch vor Vereinnahmung oder Übergriffe durch die Gemeinschaft schützen. Die entscheidende Frage für mich als Politikerin ist, ob es uns gelingen wird, das Grundgesetz als gemeinsamen Referenzrahmen zu untermauern und mit Leben zu füllen. Nach dem Grundgesetz sind alle Menschen gleich. Unabhängig von Glauben, Religion, familiärer Rolle, Geschlechterrollen oder sonstiger Vorbedingungen. Als Sozialministerin interessiert mich über all dies natürlich auch die Materialisierung der Geschlechtergerechtigkeit im Alltag: 

  • Wie sieht die reale soziale Situation von Musliminnen aus?
  •  Was muss ich tun, um deren Situation ggf. zu verbessern?
  • Wie ist der Bildungsstand der Musliminnen und kann ich ggf. deren Bildungschancen erhöhen?
  •  Wie ist es um die soziale Sicherheit der Musliminnen bestellt?
  • Wie sieht deren familiäre Situation aus: Partnerwahl, Partnerschaft, Kinder, Rollenverteilung etc.?
  •  Was sind ihre Wünsche, Hoffnungen, Ängste usw.

Auf diese Fragen kann ich als Politikerin Einfluss nehmen, hier finde ich Ansatzpunkte zur Realisierung von Geschlechtergerechtigkeit. Dem Staat obliegt die Pflicht, die freie Entfaltung der Lebensentwürfe der Individuen zu sichern und zu ermöglichen. Die Verbesserung der realen Lebensverhältnisse der Musliminnen ist für mich dabei ein wichtiges Anliegen.In diesem Kontext kann und will ich die Themen "Zwangsverheiratung, Unterdrückung von Mädchen und Frauen, häusliche Gewalt und Ehrenmorde" nicht ausblenden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn uns die muslimischen Verbände unterstützen würden: 

  1. die Gewalt zu delegitimieren
  2. und zum anderen die Bevölkerung darüber aufzuklären,dass derartige Untaten sich nicht mit der heiligen Schrift legitimieren lassen, sondern von Muslimen geächtet werden. 

Wichtig ist aber, die Diskussion um die Lebenslage von Musliminnen im Alltag nicht auf diese Themen zu reduzieren. Die Öffentlichkeit sollte zur Kenntnis nehmen, dass muslimische Mädchen und Frauen mittlerweile höhere Schuleabschlüsse als Jungen und Männer aufweisen. Sie sind auch erfolgreicher in der Ausbildung, als Jungen und Männer.Auch zeigen Studien, dass die reale Rollenverteilung in den Familien ganz anders ist, als gemeinhin angenommen. In den muslimischen Familien dominiert vielfach eine partnerschaftliche Arbeitsteilung, Mädchen werden genauso gefördert wie Jungen. Meist sind es die Frauen, die das letzte Wort bei grundlegenden familiären Entscheidungen haben.   

Schlussworte:

Das Thema "Geschlechtergerechtigkeit" spielt im Focus der Integrationsdebatte nach meiner Auffassung eine entscheidende Rolle für das Gelingen der Integration.

  1. Weil sich an ihr die Integrationserfolge von Muslimen am besten abbilden.
  2. Sich an ihr auch die Akzeptanz von Muslimen durch ihr nichtmuslimisches Umfeld am deutlichsten abbildet.
  3. Weil daran der Beitrag der Muslime zur Entwicklung für eine tolerante und demokratische Gesellschaft besonders sichtbar wird.
  4. Und nicht zuletzt, weil diese Entwicklung auch Auswirkungen auf die Herkunftsgesellschaften der Muslime hat und somit auch international Frieden stiftend ist.  

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 

Zusatzinformationen

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Die Handreichung "Geschlechterbilder zwischen Tradition und Moderne" ist ein Arbeitsergebnis der DIK-Projektgruppe "Rollenbilder in muslimischen Milieus".

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